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Zuviel Weihnachten

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«Entsinnst du dich noch», fragte im Paradies der Tiere die Seele des Eselchens die Seele des Ochsen, «entsinnst du dich noch zufällig jener Nacht vor vielen Jahren, als wir in einer Art Hütte standen, und gerade dort in der Krippe ... ?»

«Lass mich nachdenken! Ja richtig», bestätigte der Ochse, «in der Krippe lag ein neugeborenes Kind. Wie hätte ich das vergessen können? Es war ein so schönes Kind.»

«Seit damals, wenn ich nicht irre», sagte nun das Eselchen, «weißt du, wie viele Jahre seit damals vergangen sind?»

«Wo denkst du hin, ich mit meinem Ochsengedächtnis.» -

«Rund zweitausend.»

«Was du nicht sagst!»

«Weißt du übrigens, wer das Kind gewesen ist? »

«Wie soll ich das wissen? Es waren doch Leute auf der Durchreise. Gewiss ein wunderschönes Kindlein. Merkwürdig, dass es mir nie aus dem Sinn gekommen ist, und dabei schienen seine Eltern doch ganz gewöhnliche Menschen. Sag mir, wer war es? »

Das Eselchen flüsterte etwas ins Ohr des Ochsen.

«Aber nein», sagte dieser verblüfft; «wirklich? Du scherzt doch wohl nur?»

«Nein, es ist die reine Wahrheit. Ich schwöre ... übrigens hatte ich es schon damals sofort verstanden.»

«Ich nicht, ich gebe es zu», sagte der Ochse, «aber du bist eben intelligenter als ich. Ich habe es nicht einmal geahnt. Obwohl es wirklich ein wunderschönes Kind war.»

«Nun gut, seit damals feiern die Menschen jedes Jahr ein großes Fest zu seinem Geburtstag. Es gibt keinen schöneren Tag für sie. Wenn du sie nur sehen könntest. Es ist eine Zeit allgemeiner Heiterkeit, der Seelenruhe, der Sanftmut, des Friedens, der Familienfreuden, des Sichgernehabens. Selbst Mörder werden zahm wie Lämmer. Weihnacht nennen es die Menschen. übrigens, mir kommt ein guter Gedanke. Da wir schon davon sprechen, soll ich sie dir zeigen?»

«Wen?»

«Die Menschen, die Weihnachten feiern.»

«Wo?»

«Unten auf der Erde.»

«Warst du schon einmal dort?»

«Jedes Jahr mache ich einen Sprung hinunter. Ich habe einen besonderen Passierschein. Aber ich denke, du wirst auch einen bekommen, denn nach allem könnten wir zwei wohl auch auf etwas Anerkennung Anspruch erheben.»

«Weil wir das Kindlein damals mit unserem Atem wärmten?»

«Komm, beeile dich, wenn du nicht das Beste versäumen willst. Heute ist Heiliger Abend.»

«Und mein Passierschein?»

«Sofort gemacht, ich habe einen Vetter im Passamt.»

Der Passierschein wurde bewilligt. Sie setzten sich in Bewegung, und unendlich leicht, wie es körperlosen Säugetieren eigen ist, schwebten sie vom Himmel auf die Erde. Bald entdeckten sie ein Licht und hielten darauf zu. Aus einem wurden Tausende, es war eine riesenhafte Stadt.

Und da durchwanderten nun Eselchen und Ochse, unsichtbar, die Straßen des Zentrums. Da es sich um Geister handelte, fuhren Autobusse, Automobile, Straßenbahnwagen durch sie hindurch, ohne Schaden anzurichten, und selbst durch Mauern war es ihnen gegeben zu gehen, als ob sie Luft wären. So vermochten sie alles nach Herzenslust zu betrachten.

Es war wirklich ein eindrucksvolles Schauspiel: Tausende von Lichtern in den Schaufenstern, Blumengewinde, Girlanden, unzählige Tannenbäume; die ungeheure Stauung der Wagen, die sich abmühten, durch enge Straßen zu fahren, und das wirblige Gewimmel und Hin und Her der Menschen, die sich in den Läden drängten, hinein- und wieder herausströmten, sich mit Paketen und Paketchen beluden und alle gespannte Gesichter hatten, als würden sie gejagt. Das Eselchen schien bei diesem Anblick wie verzückt, während der Ochse sich voller Entsetzen umsah.

«Höre, Freund Eselchen, du hast mir gesagt, dass du mir Weihnachten zeigen wolltest! Du hast dich wohl geirrt. Ich sage dir, hier ist doch Krieg! »

«Siehst du denn nicht, wie zufrieden alle sind?»

«Zufrieden? Mir kommen sie wie Wahnsinnige vor. Sieh doch auf ihre besessenen Gesichter, ihre fiebrigen Augen.»

«Du bist eben ein Provinzler, mein lieber Ochse, und bist nie aus dem Paradies herausgekommen. Du verstehst die modernen Menschen nicht. Um sich zu unterhalten, um sich zu freuen, um sich glücklich zu fühlen, haben sie es nötig, ihre Nerven zu ruinieren.»

Laufburschen auf Fahrrädern, die gefährlich große Paketbündel balancierten, zogen vorbei; Lieferwagen wurden be- und entladen; riesige Mengen von Süßigkeiten und Berge von Blumen lösten sich unter dem Ansturm keuchender Menschen auf; Lampen blitzten und verloschen; seltsame Lieder, die Schreien ähnelten, dröhnten von allen Seiten. Dank seiner körperlosen Natur flog der Ochse neugierig zu einem Fenster im siebten Stock hinauf. Das Eselchen folgte gutmütig.

Sie sahen in ein reichmöbliertes Zimmer, wo eine sorgenvolle Dame vor einem Tisch saß. Linker Hand lag ein Haufen von fast einem halben Meter farbiger Karten und Kärtchen aufgebaut und rechts von ihr ein Stoß weißer Billetts. Die Dame, sichtlich bemüht, keine Minute zu verlieren, nahm hastig ein farbiges Kärtchen, betrachtete es einen Augenblick lang, sah in einem dicken Buch nach und schrieb sodann etwas auf eines der weißen Billetts, steckte es in einen Umschlag, schloss den Umschlag, dann nahm sie vom linken Stoß ein neues buntes Kärtchen und wiederholte die ganze Prozedur. Ihre Hände bewegten sich so schnell, dass man ihnen kaum folgen konnte. Aber der Haufen bunter Kärtchen hatte einen eindrucksvollen Umfang. Wie lange würde sie wohl brauchen, um alles zu erledigen? Man sah es der Unglücklichen an, dass sie fast nicht mehr konnte, und dabei war sie erst am Anfang.

«Hoffentlich bezahlen sie wenigstens gut für solche Schufterei», sagte der Ochse.

«Bist du nah, lieber Freund! Das ist eine außerordentlich reiche Dame aus der besten Gesellschaft. »

«Und warum arbeitet sie sich dann zu Tode?»

«Sie arbeitet sich gar nicht zu Tode, sie antwortet nur auf Glückwunschkarten.»

«Glückwunschkarten? Was nützen die?»

«Nichts, absolut nichts. Aber wer weiß warum, die Leute haben jetzt eine besondere Vorliebe dafür.»

Sie sahen in ein anderes Zimmer hinein. Auch da saßen Leute mit Schweißperlen auf der Stirn und in Aufregung und schrieben Glückwünsche auf Glückwunschkarten. Überall, wo die beiden Tiere hineinschauten, richteten Männer und Frauen Päckchen, schrieben Adressen, liefen ans Telefon, eilten blitzschnell von einem Zimmer ins andere, Schnüre, Bänder, Kärtchen, Gehänge tragend, während junge Dienstboten mit von Müdigkeit gezeichneten Gesichtern weitere Päckchen, weitere Schachteln, weitere Blumen und neue Stöße von Briefen, Rollen, Kärtchen und Bogen herbeischleppten. Und alles war Hast, Aufregung, Verwirrung, Mühe und eine schreckliche Anstrengung.

Überall, wo sie hinkamen, zeigte sich ihnen dasselbe Schauspiel. Kommen und Gehen, Kaufen oder Verpacken, Absenden oder Empfangen, Einwickeln, Auswickeln, Rufen und Antworten. Und alle blickten immer nach der Uhr, alle hasteten, alle keuchten von Furcht besessen, nicht zur Zeit fertig zu werden, jemand brach zusammen, schnappte nach Luft unter der immer größer werdenden Flut der Pakete, Päckchen, Kärtchen, Kalender, Geschenke, Telegramme, Briefe, Karten, Billetts und so weiter.

«Du hast mir doch gesagt», bemerkte der Ochse, «dass es ein Fest der Heiterkeit, des Friedens und der Seelenruhe sei»

«Tja», antwortete das Eselchen - «einmal war es auch so. Aber was soll ich dir sagen, seit einigen Jahren scheinen die Menschen beim Nahen des Weihnachtsfestes wie von einer geheimnisvollen Tarantel gestochen und verstehen rein gar nichts mehr. Hör ihnen doch zu.»

Verwundert hörte der Ochse hin. In den Straßen, den Geschäften, den Büros, den Fabriken sprachen die Menschen schnell miteinander und wechselten, wie Automaten, monotone Redensarten:

«Fröhliche Weihnachten»

«Gesegnete Weihnachten»

«Danke, auch Ihnen»

«Fröhliche Weihnachten»

«Gesegnete Weihnachten»

«Danke»

«Fröhliche Weihnachten»

«Fröhliche Weihnachten» ...

Es war ein Geflüster, das die ganze Stadt füllte.

«Glauben sie denn daran?» fragte der Ochse, «meinen sie es wirklich so?

Lieben sie ihren Nächsten?»

Das Eselchen schwieg.

«Wollen wir nicht etwas abseits gehen?» schlug der Ochse vor, «der Kopf brummt mir, und ich habe Sehnsucht nach dem, was du Weihnachtsstimmung nennst.»

«Im Grunde auch ich», gab das Eselchen zu.

So schlüpften sie durch die wirbelnden Schleusen der Wagen, entfernten sich ein wenig vom Zentrum, von den Lichtern, dem Lärm, der Raserei.

«Du, der mehr davon versteht als ich», begann der Ochse, immer noch wenig überzeugt, «sag mir doch, bist du wirklich sicher, dass das dort keine Verrückten sind? »

«Nein, nein, es ist eben einfach Weihnachten.»

«Dann ist dort zuviel Weihnachten. Erinnerst du dich noch damals in Bethlehem an die Hütte, die Hirten und das schöne Kind? Auch dort war es kalt, aber welcher Frieden, welche Zufriedenheit. Wie anders war es damals.»

«Ja, und die fernen Klänge des Dudelsacks, die man nur ganz leise hörte.»

«Und das sanfte Flügelschlagen auf dem Dach. Was für Vögel das wohl waren?»

«Vögel? Aber nein doch, Engel waren es.»

«Und die reichen Herren, die Geschenke brachten, entsinnst du dich noch ihrer? Wie wohlerzogen sie waren, wie leise sie zusammen sprachen, welch vornehme Leute. Könntest du dir sie heute in diesem Rummel vorstellen?»

«Und der Stern? Denkst du noch an den hellen Stern, der damals gerade über der Hütte stand? Ob es ihn wohl heute noch gibt? Sterne haben doch meist ein langes Leben.»

«Ich fürchte nein», sagte der Ochse skeptisch, «es sieht so wenig nach Sternen hier aus.»

Sie hoben ihre Köpfe, und wirklich, man sah nichts.

Über der Stadt lag eine Decke dichten Nebels.

Dino Buzzatti

 

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