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GESCHICHTE DER BIOLOGIE

Die Blutgruppen (32)

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Karl Landsteiner

Der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts brachte der Serologie einen Erfolg von ziemlich unerwarteter Art. Er bezog sich nicht auf Krankheiten, sondern auf die individuellen Unterschiede des menschlichen Blutes.

Immer wieder in der Geschichte der Medizin hatten Ärzte gelegentlich versucht, den bei einer ausgedehnten Blutung entstandenen Verlust durch Blutübertragung von einem gesunden Menschen oder sogar von einem Tier auszugleichen. Trotz gelegentlichen Erfolgs wurde der Tod durch eine solche Behandlung oft nur beschleunigt. Die meisten europäischen Nationen hatten daher gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts Versuche der Bluttransfusion verboten.

Der österreichische Arzt Karl Landsteiner (1868-1943) fand den Schlüssel zu diesem Problem.

Er entdeckte im Jahre 1900, dass sich das menschliche Blut hinsichtlich der Fähigkeit des Serums unterscheidet, rote Blutkörperchen zu agglutinieren (d. h. sie zusammenklumpen zu lassen). Eine Art von Blutserum vermag die roten Blutkörperchen der Person A, nicht aber die der Person B, eine andere dagegen in umgekehrter Weise die von B, nicht aber die von A, zum Verklumpen zu bringen
. Wieder andere können die von beiden und noch andere weder die von A noch die von B agglutinieren. Landsteiner hatte bis zum Jahre 1902 das menschliche Blut klar in vier „Blutgruppen“ oder „Bluttypen“ eingeteilt, die er A, B, AB und 0 nannte.

Nachdem dies einmal erreicht war, konnte man mühelos zeigen, dass die Transfusion bei gewissen Kombinationen gefahrlos war, während sie bei anderen zu einer Agglutination der einfließenden roten Zellen mit möglicherweise schlimmen Folgen führte. Die Bluttransfusion, welche sich auf die sorgfältige Bestimmung der Blutgruppen des Patienten und des Spenders gründete, wurde sofort eine wichtige Bereicherung der medizinischen Praxis. Während der folgenden vierzig Jahre entdeckten Landsteiner und andere zusätzliche Blutgruppen, die aber die Transfusion nicht berührten. Alle diese Blutgruppen waren jedoch nach den Mendelschen Regeln erblich (was man zuerst 1910 entdeckte) und bilden inzwischen die Grundlage für die sogenannten „Vaterschaftstests“. So können z. B. zwei Eltern der Blutgruppe A kein Kind der Blutgruppe B haben. Ein solches Kind ist entweder im Krankenhaus verwechselt worden, oder es besitzt einen anderen als den vermuteten Vater.

Die Blutgruppen liefern auch eine annehmbare Lösung für das jahrhundertealte „Rassenproblem“. Menschen haben immer andere Menschen in Gruppen eingeteilt, gewöhnlich auf der Grundlage subjektiven und gefühlsmäßigen Empfindens, wobei ihre eigene Gruppe als „überlegen“ eingestuft wurde. Auch heute noch neigt der Laie dazu, die Menschheit gemäß ihrer Hautfarbe in Rassen einzuteilen.

Der belgische Astronom Lambert Adolph Jacques Quetelet (1796 bis 1874) zeigte als erster, inwieweit Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen nicht scharf, sondern graduell und eher eine Frage der Nuancierung als der Artzugehörigkeit sind. Er wandte statistische Methoden auf die Untersuchung des Menschen an und kann daher als Begründer der Anthropologie (des Studiums der Naturgeschichte des Menschen) gelten.

Er zeichnete Messungen des Brustumfangs bei schottischen Soldaten oder der Größe französischer Wehrdienstpflichtiger u. ä. auf und beobachtete um 1835, dass diese Maße sich vom Durchschnitt in der gleichen Weise unterschieden, wie man das beim Würfeln oder bei der Verteilung der Einschussstellen auf einer Zielscheibe findet. Auf diese Weise trat der Zufall in den Bereich des menschlichen Daseins, und es wurde wieder einmal gezeigt, dass das Leben den gleichen Gesetzen gehorcht wie die unbelebte Natur.

Der schwedische Anatom Anders Adolf Retzius (1796-1860) versuchte solche anthropologischen Messungen auf das Rassenproblem anzuwenden. Mit „Kranialindex“ bezeichnete er die mit 100 multiplizierte Verhältniszahl der Schädelbreite zur Schädellänge. Ein Kranialindex von weniger als 80 war „dolichocephalisch“ (langer Kopf), über 80 „brachycephalisch“ (breiter Kopf). Auf diese Weise konnten die Europäer in „Nordische“ (groß und dolichocephal), in „Mediterrane (klein und dolichocephal) und „Alpine“ (klein und brachycephalisch) eingeteilt werden.

Diese Einteilung ist nicht befriedigend und wissenschaftlich nicht aussagekräftig. Sie ist außerhalb Europas nicht anwendbar, und schließlich ist der Kranialindex keine feste Größe und auch nicht durch Geburt bestimmt. Er kann sich nämlich bei Kindern aufgrund von Vitaminmangel sowie durch Umwelteinflüsse ändern.

Nachdem einmal die Blutgruppen entdeckt waren, erschien der Gedanke reizvoll, diese zur Klassifikation der Menschen anzuwenden. Zunächst einmal sind sie kein sichtbares Kennzeichen und können daher schlecht für die Zwecke des Rassenkampfes missbraucht werden. Sie sind von Geburt an vorhanden, unterliegen keinen Umwelteinflüssen und vermischen sich zwanglos durch die Generationen hindurch, denn weder Männer noch Frauen lassen sich bei der Wahl ihres Partners durch die Frage nach der Blutgruppe leiten.

Keine einzige Blutgruppe kann genutzt werden, um eine Rasse von einer anderen zu unterscheiden, aber die durchschnittliche Verteilung aller Blutgruppen erlangt Bedeutung, wenn große AnzahIen verglichen werden. Auf diesem Gebiet der Anthropologie ist der amerikanische Immunologe William Clouser Boyd (geb 1903) führend. Während der dreißiger Jahre reisten er und seine Frau in verschiedene Gebiete der Erde und stellten die Blutgruppen der Völker fest. Durch diese Daten und solche, die ihm von anderen zugänglich gemacht wurden, konnte er 1956 die Menschen in dreizehn Gruppen einteilen. Die meisten davon folgten ganz natürlich geographischen Einteilungen. Eine Überraschung war jedoch die Existenz einer „früheuropäischen“ Gruppe, die durch das ungewöhnlich häufige Auftreten einer Blutgruppe mit Namen „Rh minus“ gekennzeichnet war. Die früheuropäische Gruppe ist im großen und ganzen durch moderne Europäer ersetzt worden, aber ein Rest - die Basken - existiert noch heute in der Bergwelt der westlichen Pyrenäen.

Die Blutgruppenhäufigkeit kann auch dazu benutzt werden, den Verlauf prähistorischer Völkerwanderungen oder sogar solcher, die nicht prähistorisch sind, zu rekonstruieren. Zum Beispiel ist der Prozentsatz an Blutgruppe B am höchsten unter den Einwohnern Zentralasiens und fällt ab, wenn man westwärts oder ostwärts geht. Dass sie in Westeuropa überhaupt auftritt, wird von einigen den periodischen Invasionen nach Europa zugeschrieben, die während des Altertums und des Mittelalters durch zentralasiatische Nomaden wie z. B. die Hunnen und Mongolen erfolgten.

Heute hat es die moderne Gentechnik ermöglicht, wesentlich genauere Untersuchungen über Verwandtschaften und genetische Ähnlichkeiten oder Verschiedenheiten unter den Völkern zu machen. Die als erblich erkannten Blutgruppen bildeten jedenfalls den Beginn, sich über die Verschiedenheit der Menschen intensivere Gedanken zu machen.

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