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GESCHICHTE DER BIOLOGIE

Nervensystem (27)

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Albrecht von Haller, Franz Joseph Gall, Paul Broca, Gustav Theodor Fritsch, Eduard Hitzig, Wilhelm von Waldeyer, Camillo Golgi, Santiago Roman y Cajal

Die große Komplexität des menschlichen Geistes bringt es mit sich, dass der Glaube an die Psychiatrie sehr stark eine Angelegenheit des persönlichen Standpunktes bleibt. Die verschiedenen Schulen vertreten ihre eigenen Ansichten, und es gibt wenige objektive Wege, um sich für die eine oder andere zu entscheiden. Wenn ein weiterer Fortschritt gemacht werden soll, kann er nur dann kommen, wenn die grundlegende Wissenschaft vom Nervensystem (die Neurologie) ausreichend entwickelt ist.

Die Neurologie nahm ihren Anfang mit dem Schweizer Physiologen Albrecht von Haller (1708-1777), der in den sechziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts ein achtbändiges Lehrbuch über die menschliche Physiologie schrieb. Vor seiner Zeit wurde allgemein angenommen, dass die Nerven hohl seien. Ein mysteriöser „Geist“ oder eine Flüssigkeit fließe in ihnen auf ähnliche Weise wie das Blut in den Venen. Haller verwarf dies jedoch und interpretierte die Nervenreaktionen völlig neu mit Hilfe experimenteller Forschungen.

Er erkannte z. B., dass Muskeln „reizbar“ waren: Eine kleine Anregung eines Muskels rief eine scharfe Kontraktion hervor. Wie er weiter zeigte, geschah dies auch schon dann, wenn nur die am Muskel befindlichen Nerven gereizt wurden. Der Nerv war der reizbarere von beiden, und Haller folgerte daraus, dass die Bewegung der Muskeln nicht so sehr durch ihre direkte Reizung, als vielmehr durch Nervenreize gelenkt würde.

Haller zeigte ferner, dass das Gewebe selbst keine Empfindungen hat, sondern dass die Nerven Impulse sammeln und weiterleiten, die dann die Empfindungen auslösen. Weiter konnte er zeigen, dass alle Nerven zum Gehirn oder zum Rückenmark führen die damit deutlich als Zentren der, Sinneswahmehmungen und Reflexe ausgewiesen sind. Am Tierversuch beobachtete er, zu welchen Bewegungen oder Lähmungserscheinungen die Reizung oder Beschädigung verschiedener Gehirnpartien führte.

Die Untersuchungen von Haller wurden durch den deutschen Arzt Franz Joseph Gall (1758-1828) weitergeführt, der über dieses Gebiet ab 1796 Vorlesungen hielt. Er zeigte, dass die Nerven nicht einfach zum Gehirn führen, sondern zu der „grauen Masse“ auf der Oberfläche des Gehirns. Die „weiße Masse“ unterhalb der Oberfläche hielt er für ein verbindendes Mittel.

Wie schon Haller, so glaubte auch Gall, dass bestimmte Partien des Gehirns bestimmte Teile des Körpers kontrollierten. Diesen Standpunkt führte er weiter zu der extremen Ansicht, dass gewisse Teile des Gehirns nicht nur für bestimmte Sinneswahrnehmungen und bestimmte Muskelbewegungen zuständig seien, sondern auch für alle möglichen Gefühlsregungen und Eigenschaften des Charakters. Diese Auffassung wurde von seinen Nachfolgern bis zur Absurdität getrieben. Sie glaubten, dass übermäßig ausgebildete Gefühls- und Charaktereigenschaften durch Feststellen von Beulen auf der Schädeldecke entdeckt werden könnten. So kam man zu der Pseudowissenschaft der „Phrenologie“.

Die Unsinnigkeit der Phrenologie verdeckte die Tatsache, dass Gall zum Teil recht hatte und das Gehirn wirklich spezialisierte Gebiete besaß. Diese Möglichkeit wurde durch den französischen Gehirnchirurgen Paul Broca aus der Pseudowissenschaft herausgenommen und wieder einer echten wissenschaftlichen Untersuchung zugeführt. Als Resultat einer Reihe von Gehirnsektionen konnte er im Jahre 1861 zeigen, dass bei Patienten, welche die Fähigkeit zu sprechen verloren hatten, eine bestimmte Stelle im oberen Teil des Gehirns, des Großhirns, beschädigt war. Die Stelle befand sich bei der dritten Windung des linken Stirnlappens, die auch heute noch „Brocasche Windung“ heißt.

Um das Jahr 1870 gingen zwei deutsche Neurologen, Gustav Theodor Fritsch (1838-1891) und Eduard Hitzig (1838-1907) über Brocas Untersuchungen noch hinaus. Sie legten das Gehirn eines lebenden Hundes frei und reizten verschiedene Teile mit einer elektrischen Nadel. Es ergab sich, dass der Reiz auf einen bestimmten Teil des Gehirns bestimmte Muskelbewegungen zur Folge hatte und auf diese Weise gelang es, die Teile de Körpers gewissermaßen auf das Gehirn abzubilden. Die beiden Forscher konnten zeigen, dass die linke bzw. rechte Gehirnseite denrechten bzw. linken Teil des Körpers kontrolliert.

Es gab nun keinen Zweifel mehr daran, dass das Gehirn nicht nur den Körper kontrolliert, sondern dies auch in einer genau bestimmbaren Weise tut. Es schien zumindest eine begründete Aussicht dafür zu bestehen, alle geistigen Funktionen auf die eine oder andere Weise mit der Gehirnphysiologie in Verbindung bringen zu können. Dies würde den Geist zur bloßen Erweiterung des Körpers machen und drohte, die erhabensten Kräfte des Menschen dem Mechanismus zu unterwerfen.

Noch grundlegender war, dass die sich gerade entwickelnde Zelltheorie schließlich auf das Nervensystem angewendet wurde. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hatten die Biologen Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark entdeckt, waren sich aber über die Natur der Nervenfasern noch nicht im klaren. Der deutsche Anatom Wilhelm von Waldeyer (1836-1921) klärte die Sache auf. Im Jahre 1891 stellte er die Behauptung auf, dass die Fasern feine Fortsätze der Nervenzellen seien und mit diesen eine Einheit bildeten. Das ganze Nervensystem bestehe daher aus „Neuronen“, d.h. aus den eigentlichen Nervenzellen und den zugehörigen Nervenfasern. Diese Auffassung bezeichnet man als die „Neuronentheorie“. Waldeyer zeigte weiter, dass die Fasererweiterungen verschiedener Zellen sich sehr nahe kommen können, ohne sich jedoch zu berühren. Die Lücken zwischen Neuronen nannte man später „Synapsen“.

Die Neuronentheorie erhielt ihre feste Grundlage durch die Arbeiten des italienischen Zytologen Camillo Golgi (1844-1926) und des spanischen Neurologen Santiago Roman y Cajal (1852 bis 1934). Im Jahre 1873 entwickelte Golgi einen Zellfärbstoff, der aus Silbersalzen bestand. Mit Hilfe dieses Materials machte er innerhalb der Zelle Strukturen sichtbar, die so genannten „Golgi Körper“.

Golgi wandte seine Färbmethode besonders auf Nervengewebe an und fand sie hierfür gut geeignet. Er konnte bis dahin unbekannte Einzelheiten sichtbar machen und die diffizilen Vorgänge in den Nervenzellen mit zuvor unerreichter Genauigkeit erkennen sowie die Synapsen deutlich zeigen. Trotzdem widersprach er Waldeyers Neuronentheorie, als diese bekannt wurde.

Ramon y Cajal trat jedoch sehr stark für die Neuronentheorie ein. Mit einer verbesserten Golgischen Färbetechnik konnte er Einzelheiten nachweisen, welche die Neuronentheorie über jeden Zweifel erhaben machte. Außerdem erforschte er die Zellstruktur des Gehirns, des Rückenmarks und der Netzhaut des Auges.

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