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GESCHICHTE DER BIOLOGIE

Variationen und Mutationen (16)

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Gregor Mendel, Hugo de Vries, Karl Correns, Erich Tschermak von Seysenegg

In der letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ergab sich in Verbindung mit der Evolutionstheorie noch ein weiteres Problem. Aufgrund neuer physikalischer Überlegungen glaubte man plötzlich, dass das Alter der Erde viel geringer sei, als man früher angenommen hatte. Im Zusammenhang mit der Aufstellung des Satzes von der Erhaltung der Energie erhob sich die Frage nach der Herkunft der Sonnenenergie. Damals wusste man noch nichts von Radioaktivität oder Kernenergie, so dass nach allen Erkenntnissen des 19. Jahrhunderts der Sonne kein höheres Alter als höchstens einige zehn Millionen Jahre zugemessen werden konnte.

Diese Zeitspanne reichte aber für eine Evolution im Darwinschen Sinne nicht aus. Einige Biologen, z. B. Nägeli und Kölliker, fragten sich daher, ob sich die Evolution nicht in Sprüngen vollziehe. Obgleich sich die Annahme eines kürzeren Erdalters als falsch herausstellte und schließlich auch kein Grund vorhanden war, kleinlich mit der für die Evolution veranschlagten Zeit umzugehen, erwies sich die Vorstellung ihres sprunghaften Ablaufs als fruchtbar.

Der holländische Botaniker Hugo de Vries (1848 - 1925) stellte darüber Untersuchungen an. Er entdeckte zufällig auf einer Wiese eine Kolonie gelber Nachtkerzen. Sie waren einige Zeit vorher in Holland eingeführt worden. Den geschulten Augen des Botanikers de Vries fiel bei ihrem Anblick folgendes auf: Einige hatten ein erheblich anderes Aussehen als der Rest, obgleich sie doch Abkömmlinge von den gleichen ursprünglich eingeführten Pflanzen sein mußten.

Er nahm sie mit in seinen Garten, züchtete sie getrennt und kam allmählich zu den gleichen Schlussfolgerungen, zu denen Mendel schon ein ganzes Menschenalter früher gelangt war. Seine Untersuchungen ergaben, dass individuelle Merkmale von Generation zu Generation ohne Vermischung oder Ausgleich weitervererbt wurden. Darüber hinaus stellte er fest, dass hin und wieder eine neue Variante einer Pflanze erschien, die sich beachtlich von den anderen unterschied und sich weitervererbte. De Vries nannte eine solche plötzliche Veränderung Mutation (nach dem lateinischen Wort für „Veränderung“) und glaubte, dass sich vor seinen Augen eine Evolution in Sprüngen vollzogen habe. (In Wahrheit handelt es sich bei der Mutation der gelben Nachtkerze um einen ziemlich einfachen Vorgang ohne Veränderung der Erbfaktoren. Aber bald danach untersuchte man wirkliche Mutationen, bei denen solche Veränderungen stattfanden.)

Diese Erscheinungen waren den Hirten und Farmern immer schon bekannt gewesen. Sie hatten häufig Missgeburten oder völlig aus der Art geschlagene Tiere gesehen. Einige davon hatte man sich sogar zunutze gemacht. Zum Beispiel tauchte im Jahre 1791 in Neu - England ein kurzbeiniges Schaf (eine Mutation) auf. Wegen der Kürze seiner Beine konnte es nicht einmal über sehr niedrige Zäune springen. Es wurde aus diesem nützlichen Grund weitergezüchtet. Aber genauso wenig wie Viehhirten im allgemeinen aus ihren Beobachtungen theoretische Schlüsse ziehen, befassen sich Wissenschaftler mit der Technik der Viehhütung.

Bei De Vries trafen schließlich aber doch Theorie und Praxis zusammen. Als er sich um 1900 anschickte, seine Resultate zu publizieren, fanden seine erstaunten Augen bei der Durchsicht der Literatur über diesen Gegenstand die vierunddreißig Jahre alte Arbeit von Mendel.

Außer De Vries kamen noch zwei andere Forscher, der deutsche Karl Erich Correns (1864 - 1933) und der Österreicher Erich Tschermak von Seysenegg (1872 - 1962) im gleichen Jahr völlig unabhängig voneinander zu Ergebnissen, die denen von De Vries sehr ähnlich waren. Jeder von ihnen fand bei der Durchsicht der Fachliteratur die Mendelsche Arbeit.

Alle drei, De Vries, Correns und Tschermak von Seysenegg veröffentlichten ihre Arbeiten im Jahre 1900, und jeder der drei zitierte die Mendelsche Arbeit. Ihre eigenen Resultate betrachteten sie nur als Bestätigung der Mendelschen Untersuchungen.

Aus diesem Grunde sprechen wir heute von den Mendelschen Erbgesetzen. Die Kombination dieser Gesetze mit der De Vriesschen Entdeckung der Mutation beschrieb die Art und Weise, in der Varianten entstanden und erhalten blieben.

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