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GESCHICHTE DER BIOLOGIE

Evolutionstheorie: Der Streit (14)

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Darwin, Owen, Huxley, Haeckel, 19. Jh.

„Der Ursprung der Arten“ zählt zu den bedeutendsten Büchern in der Geschichte der Biologie. Viele Teilgebiete dieser Wissenschaft wurden plötzlich verständlicher, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung durch natürliche Selektion betrachtete. Dieser Gedanke rationalisierte das Sammeln von Einzelkenntnissen der Taxonomie, Embryologie, vergleichenden Anatomie und Paläontologie. Durch Darwins Buch wurde die Biologie mehr als eine Zusammenstellung von Tatsachen; sie wurde eine organisierte Wissenschaft, die sich auf eine breite und außerordentlich nützliche Theorie gründete.

Doch für manche war es hart, Darwins Buch hinzunehmen. Es zog die biologische Sonderstellung des Menschen in Zweifel. Insbesondere schien es sich gegen den Wortlaut der Bibel zu richten und zu besagen, dass die Menschheit und die Welt nicht von Gott erschaffen worden seien. Sogar unter denjenigen, die nicht besonders religiös eingestellt waren, gab es viele, die von dieser Ansicht abgestoßen wurden, einer Ansicht, die das Leben mit all seiner Schönheit und selbst das Wunder Mensch zu dem Ergebnis eines blinden Zufalls herabwürdigte.

In England war der Zoologe und Führer der Opposition Richard Owen (1804 - 92) ein Anhänger dieser Gruppe. Er war ein Schüler Cuviers und wie Cuvier selbst ein Meister in der Rekonstruktion ausgestorbener Tiere aus Fossilresten. Es war nicht der Evolutionsbegriff selbst, dem er widersprach, sondern der Gedanke, dass die Evolution durch Zufall zustande gekommen sein sollte. Er glaubte eher an einen inneren Drang.

Darwin selbst nahm nicht aktiv am Kampf um seine Theorie teil. Er war zu sanftmütig (und glaubte sich gewöhnlich zu krank), als dass er ein großer Streiter hätte sein können. So trat der englische Biologe Thomas Henry Huxley (1825 - 95) für Darwin ein. Huxley gebärdete sich auf dem Katheder aggressiv, hatte aber die Gabe, besonders populärwissenschaftlich zu schreiben. Er nannte sich selbst „Darwins Bulldogge“ und mehr als irgend jemand anders konfrontierte er die Öffentlichkeit mit Darwins Evolutionstheorie.

In Frankreich setzte sich der Darwinismus zunächst nur langsam durch. Dort blieben die Biologen für mehrere Jahrzehnte unter dem antievolutionären Einfluss Cuviers.

Deutschland bot jedoch enen fruchtbareren Boden. Der deutsche Naturforscher Ernst Heinrich Haeckel (1834 - 1919) war nicht nur ein Anhänger Darwins, sondern er ging noch etwas weiter als dieser. Er sah in der sich vollziehenden Entwicklung des Embryos den gerafften Vorgang der Evolution. Das Säugetier z. B. begann als Einzeller wie ein Protozoon. Es entwickelte sich zu einem aus zwei Keimblättern bestehenden Gebilde, etwa gleich einer Qualle, dann zu einem aus drei Keimblättern bestehenden Lebewesen, etwa gleich einem primitiven Wurm. Im Verlauf der weiteren Entwicklung bildete und verlor das Säugetier dann die Chorda der primitiven Chordaten. Anschließend erzeugte und verlor es Gebilde, die der Ansatz zu fischähnlichen Kiemen waren: In dieser Hinsicht fand Haeckel einen Gegner in dem älteren Embryologen Baer, der selbst fast zu dieser Auffassung gelangt war, Darwins Theorien jedoch nicht anerkennen wollte.

In den Vereinigten Staaten war der amerikanische Botaniker Asa Gray (1810 - 1888) ein äußerst rühriger Wortführer für den Darwinismus. Er war ein prominenter religiöser Laie, was insofern seinem Standpunkt Nachdruck verlieh, als man ihn nicht als Atheisten abtun konnte. In Opposition zu ihm stand der in der Schweiz geborene amerikanische Naturforscher Jean Louis Rodolphe Agassiz (1807-1873). Agassiz hatte seinen wissenschaftlichen Ruf durch eine erschöpfende Studie über Fischfossilien begründet. An die Öffentlichkeit gelangte er durch eine mehr ins Auge fallende Tat, die Popularisierung des Begriffs „Eiszeiten“. Er war vertraut mit der alpinen Gletscherwelt seiner schweizerischen Heimat und verstand es darzustellen, wie die Gletscher sich langsam vorwärts geschoben und durch auf ihrer Unterseite eingebettete Kieselsteine und Geröllmassen an den Felsen, über die sie hinweggewandert waren, Furchen und Kerben hinterlassen hatten.

Agassiz fand solche zerfurchten Felsen, die zweifellos von Gletschern gezeichnet waren, in Gebieten, in denen es seit Menschengedenken keine Gletscher gegeben hatte. In den Jahren zwischen 7840 und 1850 kam er zu der Schlussfolgerung, dass vor vielen tausend Jahren die Gletscher weit verbreitet sein mussten. 1846 ging er in die Vereinigten Staaten, zunächst um Vorlesungen zu halten. Dann aber ließ sein Interesse an der Naturgeschichte des nordamerikanischen Kontinents den Entschluss in ihm reifen, für immer dort zu bleiben. Auch hier fand er Spuren vergangener ausgedehnter Gletscherbildung.

Die Eiszeit - von der man heute weiß, dass sie sich in vier getrennte Eiszeitalter gliedern, die sich über die letzten vergangenen 500.000 Jahre erstreckten - war ein guter Beweis dafür, dass das von Hutton und Lyell ins Extrem getriebene Uniformitätsprinzip (die Umweltbedingungen haben sich nie geändert) nicht gerechtfertigt war. Schließlich hatte es Katastrophen gegeben. Gewiss waren sie nicht so plötzlich eingetreten und hatten auch nicht solche zerstörenden und verhängnisvollen Auswirkungen gehabt, wie es die Theorie Cuviers forderte, aber immerhin hatte es sie gegeben. Hin- und hergerissen zwischen seinen an Cuvier angelehnten Vorstellungen und seiner Frömmigkeit, fanden sich Agassiz und andere Zeitgenossen am Ende außerstande, die Darwinsche Lehre anzunehmen.

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