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GESCHICHTE DER BIOLOGIE

Evolutionstheorie: Die Abstammung des Menschen (13)

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Darwin, Virchow, Dubois,  19. Jh.

Der heikelste Punkt in Darwins Theorie war ihre Anwendung auf den Menschen. Darwin hatte ihn in seinem „Ursprung der Arten“ umgangen, und Wallace als Mitentdecker der Theorie der natürlichen Auslese behauptete, dass der Mensch selbst den evolutionären Kräften nicht unterläge. (In seinem späteren Leben wurde er Spiritualist.) Jedoch wäre es unsinnig gewesen zu vermuten, die Evolution schlösse alle Arten von Lebewesen außer dem Homo sapiens ein. Nach und nach häuften sich die Beweise dafür, dass sie auch auf den Menschen zutraf.

1838 hatte zum Beispiel der französische Archäologe Jacques Boucher de Crevecoeur de Perthes (1788 - 1868) in Nordfrankreich primitive Äxte ausgegraben. Aus der geologischen Schicht, in der sie lagen, musste er entnehmen, dass sie viele tausend Jahre alt waren. Darüber hinaus ergab sich, dass sie nur von Menschenhand hatten hergestellt werden können. Zum ersten Mal wurde damit der einwandfreie Beweis erbracht, dass nicht nur die Erde, sondern auch der Mensch viel älter ist als einige Tausend Jahre, wie es in der Bibel vermuten lässt.

1846 veröffentlichte Boucher de Perthes seine Entdeckungen und sein Buch entfachte eine stürmische Reaktion. Französische Biologen, die immer noch unter dem Einfluss des verstorbenen Cuvier standen, nahmen eine feindselige Haltung ein und weigerten sich, die Folgerungen aus den Funden anzuerkennen, obwohl in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Archäologen immer mehr alte Werkzeuge ausgruben. 1859 kam eine Anzahl englischer Wissenschaftler nach Frankreich. Sie besichtigten die Stätten, an denen Boucher de Perthes seine Äxte gefunden hatte, und stellten sich offiziell auf seine Seite.

Vier Jahre später veröffentlichte der Geologe Lyell, der sich auf die Funde Boucher de Perthes' bezog, sein Buch „The Antiquity of Man“, in dem er nicht nur die Darwinschen Ansichten energisch unterstützte, sondern sie auch ganz besonders auf den Menschen anwandte. Ebenso schrieb Huxley ein Buch, in dem er die gleiche Haltung einnahm.

1871 bekannte sich Darwin mit seinem zweiten großen Werk „The Descent of Man“ (Die Abstammung des Menschen) zum auf den Menschen angewandten Evolutionsgedanken. Hierin besprach er die verkümmerten Organe als typische Zeichen evolutionärer Veränderungen. (Im menschlichen Körper gibt es einige dieser Spuren. Der Blinddarm ist das Überbleibsel eines Organs, das einst zur Aufspeicherung von Nahrung diente, die auf diese Weise einem bakteriengesteuerten Abbau unterworfen werden konnte. Am Ausgangspunkt des Rückgrats befinden sich vier Knochen, die früher Teil eines Schwanzes waren: Es gibt unnütze Muskeln, die zur Bewegung der Ohren gebildet sind; sie wurden von Vorfahren übernommen, deren Ohren beweglich waren usw.)

Die Beweise basierten jedoch nicht nur auf Indizien. Der Mensch aus der Vorzeit erschien selbst auf dem Plan. 1856 wurde in Deutschland im Neandertal (Rheinland) eine Schädeldecke aus der Vorzeit ausgegraben. Sie stammte mit Bestimmtheit von einem Menschen her, war aber primitiver als die Schädeldecke irgendeines gewöhnlichen Menschen. Entsprechend der geologischen Schicht, in der sie gelagert hatte, musste sie viele tausend Jahre alt sein. Sofort entspann sich eine wissenschaftliche Kontroverse. Handelte es sich um eine frühe primitive Form des modernen Menschen, oder lediglich um einen gewöhnlichen Wilden vergangener Zeiten, der an einer Knochenkrankheit oder einer angeborenen Schädeldeformierung gelitten hatte?

Der Arzt Rudolf Virchow (1821 - 1902), eine außergewöhnliche Äutoritat, behauptete das Letztere. Dagegen bestand der französische Chirurg Paul Broca (1824 - 80), der berühmteste Schädelexperte seiner Zeit, auf der Ansicht, dass kein Mensch der Gegenwart, ob krank oder gesund, einen Schädel gleich dem des Neandertalers haben könne, und dass dieser deshalb eine Frühform des Menschen gewesen sei, die sich in einigen Punkten von dem modernen Menschen wesentlich unterschieden habe. Um diese Fragen beantworten zu können, mussten weitere Funde gemacht werden: Fossilienfunde von fehlenden Stufen zwischen Mensch und Affe. Unter den Fossilien waren solche sogenannten „fehlenden Glieder“ keine Seltenheit. 1861 z. B. erwarb das britische Museum die Fossilien eines Lebewesens, das einwandfrei als Vogel identifiziert wurde, da sich in dem Felsen Eindrücke von Federn befanden, aber dennoch einen eidechsenähnlichen Schwanz und ebensolche Zähne besaß. Dies benutzte man sofort als den bestmöglichen Beweis dafür, dass Vögel Abkömmlinge von Reptilien waren.

Die Suche nach einem auf den Menschen zugeschnittenen fehlenden Glied war allerdings jahrzehntelang vergeblich. Endlich war dem holländischen Paläontologen Marie Eugene Francois Thomas Dubois (1858 - 1940) Erfolg beschieden. Besessen von der Hoffnung, das fehlende Glied zu finden, war er der Meinung, dass in solchen Gebieten nach primitiven menschenähnlichen Geschöpfen geforscht werden müsste, in denen es noch Affen in großer Zahl gab. Dies war entweder in Afrika, der Heimat des Gorillas und Schimpansen oder in Südostasien, dem Ursprungsland des Orang-Utan und Gibbon.

1889 wurde er von der holländischen Regierung beauftragt, in Java (damals noch in holländischem Besitz) nach Fossilien zu forschen. Er machte sich mit großem Eifer an die Aufgabe. Innerhalb weniger Jahre entdeckte er eine Gehirnschale, einen Hüftknochen und zwei Zähne, die zweifellos von einem Urmenschen stammten. Die Gehirnschale war wesentlich größer als die eines lebenden Affen und dabei erheblich kleiner als die eines Menschen. Auch die Größe der Zähne lag zwischen der von Menschen und Affen. Dubois nannte das Lebewesen, zu dem diese Knochenrückstände gehörten, den „Pithecantropus erectus“ (den aufrechtgehenden Affenmenschen). Einzelheiten darüber veröffentlichte er 1894.

Wieder begann ein großer Streit. Jedoch wurden auch ähnliche Funde in China und Afrika gemacht, so dass man jetzt weiß, dass es eine Reihe von „fehlenden Gliedern“ gegeben hat. Es besteht kein begründeter Zweifel mehr an dem Tatbestand einer menschlichen Evolution oder einer Evolution im allgemeinen. Bis ins 20. Jahrhundert hat es viele gegen den Evolutionsgedanken gerichtete Strömungen gegeben. Einige davon existieren auch heute noch, hauptsächlich bei den religiösen Sekten. Es gibt heute keinen namhaften Biologen, der die Evolution der Lebewesen ablehnt.

IRRTÜMER und ABARTEN des Evolutionsgedankens:

Befanden sich die Gegner der Evolutionstheorie grundsätzlich im Irrtum, so galt dies ebenso für diejenigen unter ihren Anhängern, die sie voreilig auf Gebiete übertragen wollten, auf die sie sich nicht anwenden ließ. So griff der englische Philosoph Herbert Spencer (1820 - 1903), der sich bereits vor dem Erscheinen des Darwinschen Buches Gedanken zur Evolutionstheorie gemacht hatte, mit Freuden zu diesem Werk. Die darin enthaltenen Darlegungen fügte er seinen eigenen Betrachtungen über die menschliche Gesellschaft und Kultur hinzu und wurde so zum Pionier auf dem Gebiet der Soziologie. Spencer glaubte, dass die menschliche Gesellschaft und Kultur zunächst undifferenziert gewesen und von einer einfachen Ebene ausgegangen sei. Erst allmählich hätten sie sich zu ihrem gegenwärtigen heterogenen und komplexen Zustand entwickelt. Spencer popularisierte den Terminus „Evolution“ (den Darwin selbst kaum benutzte) und auch die Redensart „das Überleben des Tüchtigsten“. Spencer schien es, als ob die Menschen im ständigen Wettkampf miteinander lägen, wobei der Schwächere notwendigerweise an die Wand gedrückt würde. Er betrachtete das als eine unvermeidliche Begleiterscheinung der sich vollziehenden Evolution. 1884 äußerte er die Ansicht, dass man die Menschen, die nicht in einen Arbeitsprozess eingeschaltet werden können oder sonst eine Belastung für die Gesellschaft seien, eher zugrunde gehen lassen sollte, als sich ihrer aus Hilfsbereitschaft oder Nächstenliebe anzunehmen. Güte und Weichherzigkeit - so behauptete Spencer - behinderten den Fortgang der Entwicklung und wären auf die Dauer schädlich.

Dies war jedoch eine falsche Anwendung des Evolutionsbegriffs, denn der Darwinsche Mechanismus der natürlichen Zuchtwahl erforderte lange Zeiträume. Spencer konnte nur durch die Annahme, dass es eine Form von Erblichkeit erworbener Eigenschaften im Lamarckschen Sinne gäbe, die schnellen Veränderungen in der Menschheitgeschichte rechtfertigen. Er musste auch die Tatsache außer acht lassen, dass die Überlebenschancen einer menschlichen Gesellschaft darin liegen kann, dass sie sich ihrer Alten und Schwachen annimmt, wodurch ihr das einzelne Mitglied mehr ergeben sein könnte. Die Geschichte der Zivilisation zeigt tatsächlich, wie soziale Zusammenarbeit in Landwirtschaft und Gewerbe auf lange Sicht den Triumph über den schroffen Individualismus der Jäger und Nomaden davongetragen haben.

Dessen ungeachtet hatte der Spencersche Evolutionsgedanke insofern seine Auswirkungen auf die Geschichte, als er im Laufe der Jahrzehnte, die dem Ersten Weltkrieg vorausgingen, Nationalisten und Militaristen die Handhabe dazu gab, vom Krieg als einer „guten Sache“ zu sprechen, die den Tüchtigsten überleben ließ. Glücklicherweise sind derartige romantische Illusionen über das schandhafte Geschäft des Krieges ausgestorben.

Eine andere umstrittene Auffassung vom Evolutionsgedanken wurde durch Darwins Vetter, den englischen Anthropologen Francis Galton (1822 - 1911), vertreten. In jungen Jahren betätigte er sich als Entdeckungsreisender und als Meteorologe, wandte sich jedoch nach dem Erscheinen des Buches seines Vetters der Biologie zu. Sein besonderes Interesse galt dem Vererbungsproblem, und er war der erste, der die Bedeutung der Untersuchung eineiiger Zwillinge unterstrich. Hier ließen sich erbliche Einflüsse als identisch betrachten, so dass vorhandene Unterschiede einzig und allein Umwelteinflüssen zugeschrieben werden mussten.

Er verfolgte das Auftreten hoher geistiger Leistungsfähigkeit durch Generationen einzelner Familien hindurch und konnte auf diese Weise die Theorie entwickeln, dass geistige Fähigkeiten erblich waren. So kam er zu der Überzeugung, dass die menschliche Intelligenz sowie auch andere wünschenswerte Eigenschaften durch geeignete Partnerwahl verstärkt, unerwünschte aber ausgemerzt werden konnten. Im Jahre 1883 führte er den Namen „Eugenik“ (aus griechischen Wörtern gebildet, die „gute Geburt“ bedeuten) für die Untersuchung der Methoden ein, die dies am besten zustande bringen konnten. In seinem Testament hinterließ er einen Fonds, der zum Aufbau eines Forschungslaboratoriums für Vererbungslehre gedacht war.

Nachdem immer weitere Einzelheiten über den Vererbungsmechanismus bekanntgeworden waren, verloren die Biologen in zunehmendem Maße den Glauben daran, dass es eine leichte Sache sei, die menschliche Rasse durch bewusste Auswahl bei der Fortpflanzung (gewissermaßen gezielte Evolution) zu verbessern. Inzwischen ist es aber zur Gewissheit geworden, dass es sich hierbei um einen sehr komplizierten Vorgang handelt, der zur Zeit nicht einmal mit den Methoden der Gentechnik realisierbar erscheint.

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