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GESCHICHTE DER BIOLOGIE

Evolutionstheorie: Die Selektion (12)

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Darwin, Wallace 19. Jh.

Der Mann, der einen entsprechenden Evolutionsmechanismus beschreiben und diesem einen festen Platz in der Biologen verschaffen sollte, war der englische Naturforscher Charles Robert Darwin. Er lebte von 1809 - 1882 und war der Enkel des berühmten Erasmus Darwin.

Als junger Mann versuchte sich Darwin auf Befehl des Vaters erfolglos im Studium der Medizin. Später studierte Darwin, ebenfalls auf Geheiß des Vaters (ein wohlhabender Arzt), Theologie für das Priesteramt der anglokanischen Kirche, doch keiner der beiden Berufe sagte ihm zu. Naturgeschichte war eines seiner Lieblingsgebiete.

Im Laufe der Studienzeit steigerte sich sein Interesse an ihr so sehr, dass er sie als Lebensaufgabe wählte. Als 1831 die „Beagle“, ein Schiff seiner Majestät des englischen Königs, zu einer wissenschaftlichen Expedition bereit gemacht wurde, bot man Darwin die Wahrnehmung naturwissenschaftlicher Aufgaben innerhalb der Expedition an. Er akzeptierte. Diese Reise dauerte über fünf Jahre. Obwohl Darwin von Seekrankheit gepeinigt wurde, reifte er in dieser Zeit zu einem genialen Naturforscher mit einer außergewöhnlich scharfen Beobachtungsgabe heran. Außerdem war er es, der diese Expeditionsfahrt der „Beagle“ zur bedeutendsten in der Geschichte der Biologie gemacht hat.

Vor Beginn der Reise hatte Darwin Lyells ersten Band über Geologie gelesen. Dadurch hatte er eine klare Vorstellung von der Vorgeschichte der Erde und den großen Zeiträumen, in denen das Leben sich hatte entwickeln können. Im Verlauf der Reise an der Küste Lateinamerikas entlang in Richtung Süden musste er feststellen, wie eine Art die andere ablöste, wie eine immer nur leicht verschieden von der vorangegangenen war.

Am eindrucksvollsten waren die Beobachtungen, die er während seines fünfwöchigen Aufenthaltes auf den Galapagos-Inseln, etwa 1.000 km von der Küste Ecuadors entfernt, von der dortigen Tierwelt machte. Insbesondere studierte er eine Gruppe von Vögeln, die bis zum heutigen Tag „Darwinfinken“ genannt werden. Von diesen Finken gab es mindestens 14 Arten, die viele verwandte Züge trugen. Keine einzige davon kam auf dem nahegelegenen Festland oder, soweit man wusste, sonst irgendwo in der Welt vor. Es war nicht sinnvoll anzunehmen, dass vierzehn verschiedene Arten für diese kleine Inselgruppe ganz allein geschaffen worden wären.

Darwin glaubte eher, dass die Finkenarten des Festlandes die Inseln lange Zeit vorher besiedelt und deren Abkömmlinge sich allmählich im Laufe sehr langer Zeitläufe zu den verschiedenen Arten entwickelt hätten. Einige ernährten sich von einer bestimmten Sorte Samen, andere von einer anderen und wiederum andere von Insekten. Jede Art entwickelte einen ihrer Lebensweise gemäßen Schnabel, eine besondere Größe und eine besondere Lebensordnung. Bei den ursprünglichen Finken des Festlandes trat eine solche Entwicklung aufgrund des Existenzkampfes mit vielen anderen Vogelarten nicht ein. Auf den Galapagos jedoch hatten die Finken ein von anderen Vögeln verhältnismäßig unbewohntes Land vorgefunden, das ihnen Raum für die Ausbildung vieler Arten gab.

Aber ein Punkt, und zwar ein wesentlicher, blieb ungeklärt. Wodurch wurden solche evolutionären Veränderungen bewirkt? Was machte aus einer Finkenart, die sich von Samen ernährte, allmählich eine andere, deren Nahrung aus Insekten bestand? Darwin konnte eine Erklärung im Lamarckschen Sinne nicht akzeptieren, die in der Vermutung bestand, dass die Finken versucht haben könnten, sich von Insekten zu ernähren und dann den Geschmack daran sowie eine verbesserte Fähigkeit dazu an ihre Nachkommen weitergegeben hätten. Doch leider konnte auch Darwin keine andere Erklärung dafür finden. Die moderne Genetik, die Darwin zur Beantwortung der Fragen benötigte, war damals noch nicht Bestandteil der Wissenschaft.

Zwei Jahre nach seiner Rückkehr in die Heimat fiel ihm ein Buch mit dem Titel in die Hände „An Essay on the Principle of Population“ („Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz“), welches vierzig Jahre vorher von einem englischen Wirtschaftswissenschaftler Thomas Robert Malthus (1766 bis 1834) geschrieben worden war. In diesem Buch stellte Malthus die Behauptung auf, dass die Bevölkerungszahl stets schneller anstiege als die Menge der zur Verfügung stehenden Nahrung und dass die Bevölkerungszahl schließlich verringert werden müsse, sei es durch Hungersnot, Krankheit oder Krieg.

Darwin dachte daran, dass dies auch für alle anderen Lebewesen gelten müsse, und dass die ersten, die von solch einer Dezimierung betroffen würden, diejenigen seien, die im Kampf um die Nahrung schlechter gestellt wären: Zum Beispiel mussten sich seiner Meinung nach die Finken auf den Galapagos-Inseln zunächst ungehindert vermehrt und mit Sicherheit die Samenbestände, von denen sie gelebt hatten, erschöpft haben. Einige mussten verhungert sein - zuerst die Schwächeren oder die, die im Nahrungsfinden weniger Geschick hatten. Aber was wäre, wenn einige von ihnen es zufällig fertiggebracht hätten, größere Samenkörner aufzunehmen oder an zähere Samenarten zu gelangen oder gar plötzlich entdeckt hätten, dass sie gelegentlich auch ein Insekt verschlucken konnten? Die Zahl derjenigen, die diese ungewöhnlichen Fähigkeiten nicht besessen hätten, würde durch den Hungertod niedrig gehalten worden sein. Jene aber, die darüber, wenn auch in unzulänglicher Weise, verfügt hätten, hätten neue, noch unversehrte Nahrungsquellen gefunden, mit deren Hilfe es ihnen möglich gewesen wäre, sich schnell zu vermehren, bis dann wiederum ihre Ernährungsmöglichkeiten geschwunden wären.

Mit anderen Worten, der von der Umwelt ausgeübte indirekte Druck würde die Entstehung von Unterschieden begünstigen und Unterschied auf Unterschied häufen, bis andere Arten entstünden - jede verschieden von den anderen und von den gemeinsamen Vorfahren. Gewissermaßen die Natur selbst träfe mit der Verminderung der Nahrung ihre Auswahl hinsichtlich der überlebenden, und durch eine solche „natürliche Zuchtwahl“ erhielten die Lebewesen ihre mannigfache Gestalt.

Darüber hinaus konnte Darwin feststellen, wie die notwendigen Veränderungen vor sich gingen. Zum Studium der Wirkung der künstlichen Zuchtwahl züchtete er Tauben, wodurch er sich eigene Erfahrungen in der Zucht etlicher Arten von Haustieren verschaffte. Er stellte fest, dass bei jeder Brut zufällig Veränderungen von einem Tier zum anderen auftraten, Abweichungen in Größe, Farbe und Fähigkeiten. Über Generationen hinweg war es dem Menschen gelungen, bei Rindern, Pferden, Schafen und Geflügel dadurch bessere Zuchtergebnisse zu erzielen, dass er sich diese Abweichungen zunutze machte, dass er die einen absichtlich bei der Zucht förderte und die anderen unterdrückte. So hatte er aus Liebhaberei Hunden und Goldfischen seltsame und belustigende Formen gegeben.

Konnte nicht die Natur die Rolle des Menschen übernehmen, viel gemächlicher und über längere Zeiträume hinweg dieselbe Auswahl für ihre eigenen Zwecke treffen und dabei die Tiere ihrer Umwelt anpassen statt dem Geschmack und den Bedürfnissen des Menschen?

Darwin untersuchte auch die „sexuelle Auslese“, bei der die Weibchen die prächtigsten Männchen annahmen, so dass ein beinahe ins Lächerliche übersteigertes Exemplar von Pfau entstand. Außerdem sammelte er Angaben über die Spuren von Organen, die das ehemalige Vorhandensein vollwertiger nützlicher Organe verrieten. (Ein aufsehenerregendes Beispiel dafür sind Wale und Schlangen, bei denen bestimmte Knochenüberreste einstmals Teile von Hüftknochen oder Hinterbeinen gewesen sein können. Eine Tatsache, die uns fast zu der Annahme zwingt, dass sie von Lebewesen abstammen, die einstmals auf Beinen gegangen sind.)

Darwin war ein Perfektionist, der beharrlich Informationen sammelte und diese bis ins kleinste ordnete. Schließlich begann er 1844 über dieses Thema zu schreiben. Jedoch selbst in den darauffolgenden 10 Jahren gelang ihm keine erschöpfende und endgültige Darstellung dieser Theorien. 1856 endlich unternahm er seinen Hauptvorstoß.

Inzwischen hatte sich der englische Naturforscher Alfred Russel Wallace (1823 - 1913) im Fernen Osten mit dem gleichen Problem beschäftigt. Ebenso wie Darwin hatte auch er einen großen Teil seines Lebens auf Reisen verbracht, darunter 4 Jahre (1848 bis -1852) in Südamerika. 1854 segelte er zur Malayischen Halbinsel und den Ostindischen Inseln. Dort fiel ihm der große Unterschied zwischen den Säugetierarten Asiens und Australiens auf. Später, als er über dieses Thema schrieb, zog er eine Trennungslinie zwischen den Ländern, in denen diese unterschiedlichen Arten gediehen. Diese Linie, die auch heute noch die „Wallacesche Linie“ genannt wird, folgt einem Tiefseekanal, der nach Süden die großen Inseln Borneo und Celebes sowie die kleineren Inseln Bali und Lombok trennt. Daraus ergab sich die Auffassung von der Unterteilung der Tierarten in große kontinentale und superkontinentale Blöcke.

Es schien Wallace, als ob die australischen Säugetiere primitiver und weniger leistungsfähig als die asiatischen wären und dass erstere in einem Existenzkampf mit diesen untergehen würden. Der Grund dafür, dass die australischen Säugetiere überhaupt noch existierten war die Tatsache, dass Australien und die nahegelegenen Inseln sich vom asiatischen Festland gelöst hatten, bevor die höherentwickelten asiatischen Arten entstanden waren. Solche Überlegungen führten ihn zu der Vermutung einer durch natürliche Zuchtwahl bewirkten Entwicklung. Genau wie bei Darwin reiften diese Gedanken heran, als ihm zufällig Malthus' Buch in die Hände fiel. Wallace weilte zu dieser Zeit auf den Ostindischen Inseln, wo er an Fieber litt. Er benutzte diese Zeit der zwangsläufigen Muße, um seine Theorie niederzuschreiben, wozu er zwei Tage brauchte.

Dann sandte Wallace das Manuskript an Darwin mit der Bitte um dessen Stellungnahme (er wusste nicht, dass Darwin an demselben Problem arbeitete). Als Darwin das Manuskript erhielt, war er erschüttert wegen der großen Ähnlichkeit der Ansichten. Lyell und andere veranlassten, dass einige von Darwins Schriften zusammen mit denen von Wallace 1858 im „Journal of Proceedings of the Linnaean Society“ veröffentlicht wurden.

Im folgenden Jahr schließlich veröffentlichte Darwin sein Hauptwerk „Über den Ursprung der Arten durch natürliche Selektion“. Es ist im allgemeinen unter dem Titel „Der Ursprung der Arten“ bekannt.

Die wissenschaftliche Welt hatte lange auf dieses Buch gewartet. Es wurden nur 1250 Exemplare gedruckt, und kurz nach dem Erscheinen war es vergriffen. Eine Neuauflage folgte der anderen, und es wird heute noch immer wieder in zahlreichen Sprachen neu aufgelegt.

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