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GESCHICHTE DER BIOLOGIE

Die Abstammungslehre (9)

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Lamarck - 18. Jh.

Linnés Klassifikation, die mit sehr großen Gruppen beginnt und diese dann schrittweise in immer kleinere Gruppen unterteilt, erschien buchstäblich wie ein „Lebensbaum“. Beim Anblick der Darstellung eines solchen Baumes, wie schematisch diese auch immer sein mochte, war die Frage fast unvermeidlich, ob eine derartige Anordnung ganz und gar zufällig sein konnte. Hätte es, nicht sein können, dass sich zwei benachbarte Arten aus einem gemeinsamen Vorfahren entwickelt und dass sich zwei benachbarte Vorfahren aus einem noch älteren und primitiveren Vorfahren entwickelt haben? Kurz gesagt: Hätte die von Linné entwickelte Struktur nicht in irgendeiner Weise über größere Zeiträume wie ein wirklicher Baum gewachsen sein können? Es war gerade diese Möglichkeit, die zur größten Kontroverse in der Geschichte der Biologie führen sollte.

Für Linné, der fromm und dem Bibelwort treu ergeben war, schied diese Möglichkeit von vornherein aus. Er vertrat die Ansicht, dass jede Art durch einen eigenen Schöpfungsakt entstanden sei und durch die göttliche Vorsehung erhalten geblieben sei, so dass keine Art zum Aussterben verurteilt gewesen sein könne. Dieser Glaube war an seinem eigenen Klassifikationssystem zu erkennen, denn es war auf äußere Erscheinungen gegründet und versuchte nicht, mögliche Zusammenhänge wiederzugeben. (Es war so, als ob man Kaninchen und Fledermäuse nur deshalb zu einer Kategorie zählen würde, weil sie alle lange Ohren haben.)

Wenn es keine Beziehungen zwischen den Arten gäbe, wäre die Art und Weise ihrer Gruppierung sicher gleichgültig. Alle Anordnungen wären gleichermaßen künstlich, und man hätte dann sehr gut die bequemste wählen können.

Dessen ungeachtet konnte Linné andere nicht von der Vermutung oder Annahme eines gewissen Evolutionsprozesses abhalten (das Wort „Evolution“ wurde erst gegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts populär), in dem eine Art sich aus einer anderen entwickelte und in dem natürliche Beziehungen zwischen den Arten vorhanden waren, die ihren Niederschlag eigentlich auch im benutzten Klassifikationssystem finden sollten. (Mit zunehmendem Alter wurde auch Linné schwankend und schloss die

Möglichkeit der Entstehung neuer Arten durch Kreuzung verschiedener Arten nicht aus.)

Sogar der nachgiebige, konservative und vorsichtige französische Naturforscher Georges Louis Leclerc Comte de Buffon (1707-88) - er hatte mit Needham an dessen Experimenten über spontane Zeugung zusammengearbeitet  - konnte nicht anders, als die vorherrschende Meinung durch eine solche Annahme in Frage zu stellen.

De Buffon schrieb eine Enzyklopädie über Naturgeschichte, die in seiner Zeit mindestens so populär war wie die von Plinius und auch genauso vielseitig (aber weitaus genauer). Darin führte er aus, dass einige Lebewesen Körperteile ohne bestimmte Funktion besäßen, wie z. B. die zwei zusammengeschrumpften Zehen, welche ein Schwein an den Seiten seiner Klauen besitzt. Könnte es denn nicht sein, dass diese Zehen einst ihre volle Größe besessen haben, gebraucht worden und erst im Laufe der Zeit verkümmert sind? Könnte nicht ganzen Organismen das gleiche beschieden gewesen sein? Könnte nicht ein Affe ein entarteter Mensch oder ein Esel ein entartetes Pferd sein?

Der englische Arzt Erasmus Darwin (1731-1802) schrieb lange Gedichte, die von Botanik und Zoologie handelten, in welchen er das Linnésche System anerkannte. In ihnen behandelte er auch die Möglichkeit, dass Umwelteinflüsse eine Art verändern können. (Diese Ansichten wären sicher heute längst vergessen, wenn nicht Erasmus Darwin der Großvater von Charles Darwin gewesen wäre, mit dem die Abstammungslehre ihren Höhepunkt erreicht hat.)

Ein Jahr nach De Buffons Tod wurde Europa durch die Französische Revolution bis in den Grund erschüttert. Eine Zeit der Veränderung folgte, in der alte Werte zerschlagen wurden, die nie wieder Gültigkeit erlangten. Die bequeme Anerkennung des Königs und der Kirche als letzte Autoritäten erlosch nach und nach bei den Völkern, und man konnte wissenschaftliche Theorien äußern, die früher gefährliche Ketzereien gewesen wären. Somit erschien es überflüssig, sich mit De Buffons Ideen über das Leben im Lichte der Abstammungslehre ernsthaft auseinander zusetzen. Erst einige Jahrzehnte später erachtete der französische Naturforscher Jean Baptiste de Monet Chevalier de Lamarck (1744 - 1829) es als wünschenswert, die Abstammungslehre ausführlich zu behandeln.

Lamarck brachte die ersten vier Klassen von Linné (Säugetiere, Vögel, Reptilien, Fische) in die Gruppe der „Vertebraten“; das sind Tiere, die eine Wirbelsäule oder ein Rückgrat besitzen. Die beiden anderen Klassen (Insekten und Würmer) nannte Lamarck „Invertebraten“. Lamarck erkannte, dass man in den Klassen der Insekten und Würmer die seltsamsten Überraschungen erleben konnte. Seine Untersuchungen führten zu einer besseren Ordnung innerhalb dieser Klassen, so dass sein System den Stand der aristotelischen Klassifikation nicht nur erreichte sondern auch weiter verfeinerte. Zum Beispiel bemerkte er, dass die achtfüßigen Spinnen nicht mit den sechsbeinigen Insekten, und dass der Hummer nicht mit dem Seestern in einer Klasse zusammengefasst werden konnte.

Von 1815 bis 1822 schuf Lamarck schließlich ein gigantisches siebenbändiges Werk mit dem Titel „Naturgeschichte der Invertebraten“, welches die moderne Zoologie der Invertebraten begründete . Dieses Werk hatte ihn zum Nachdenken über die Möglichkeit einer Abstammungslehre veranlasst. Seine Gedanken über diesen Gegenstand publizierte er schon im Jahre 1801 ausführlicher jedoch in dem 1809 erschienenen Buch mit dem Titel „Zoologische Philosophie“. Lamarck war der Auffassung, dass sich die Leistungsfähigkeit der Organe durch starken Gebrauch im Laufe des Lebens erhöhe und dass nichtgebrauchte Organe verkümmerten. Diese Fortentwicklung oder Degenerierung könne sich dann von Generation zu Generation fortpflanzen (dies wird auch oft mit „Vererbung erworbener Eigenschaften“ bezeichnet).

Die damals gerade entdeckte Giraffe benutzte er als Beispiel, um seine Gedanken zu erläutern. Eine primitive Antilope, die gern die Blätter der Bäume abweidet, würde ihren Nacken mit aller Kraft nach oben recken, um so viele Blätter wie möglich zu erreichen. Zunge und Beine würden sich dabei ebenfalls strecken. Alle diese Körperteile würden als Resultat buchstäblich etwas länger werden, und diese Verlängerung, so nahm Lamarck an, würde sich auf die nächste Generation vererben. Die neue Generation würde schon mit längeren Gliedern beginnen und diese noch weiter strecken. Schrittweise würde sich so die Antilope in eine Giraffe verwandeln.

Diese Theorie der Vererbung erworbener Eigenschaften war nicht aufrechtzuerhalten, denn es gab für die Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften keine stichhaltige Begründung. Im Gegenteil legte alles zur Verfügung stehende Beobachtungsmaterial die Annahme nahe, dass erworbene Eigenschaften nicht erblich seien. Aber selbst wenn solche Eigenschaften vererbt werden könnten, würde sich das nur auf Organe beziehen, die einer freiwilligen Anpassung unterworfen wären, wie im Falle des gestreckten Nackens. Wie wäre aber dann das gefleckte Fell der Giraffe zu erklären, das dieser als schützende Tarnung dient? Wie würde sich dieses Fell aus dem ungefleckten der Antilope bilden? Ist es vorstellbar, dass die Vorfahren der Giraffe versucht haben könnten, sich eine Tarnung zuzulegen?

Lamarck starb arm und vergessen. Seine Abstammungstheorie wurde verworfen, dennoch hatte sie die Tore zu neuen Erkenntnissen aufgestoßen.

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