Frontpage
Übersicht

GESCHICHTE DER BIOLOGIE

Renaissance und Übergangszeit (3)

Zum Seitenanfang

Im späten Mittelalter begann man in Italien wieder menschliche Leichen zu sezieren. Diese Tätigkeit stand immer noch in Misskredit. In Bologna gab es aber eine Schule für Rechtswissenschaft, in der man der Auffassung war, dass häufig Rechtsfragen bezüglich einer Todesursache am besten durch eine Obduktion der Leichen zu klären seien.

Nachdem man die Sektion menschlicher Körper allgemein für gerechtfertigt befunden hatte, war es nur noch ein kleiner Schritt, diese auch für die medizinische Lehre zu nutzen. Sowohl Bologna als auch Salerno waren in der damaligen Zeit für ihre medizinischen Schulen weithin bekannt.

Die wieder üblich gewordene Sektion brachte nicht gleich neue biologische Erkenntnisse mit sich. Zunächst wollte man nur die Arbeiten von Galen und Avicenna veranschaulichen. Die Leh­rer, selbst Gelehrte, hatten sich zwar den Inhalt der Bücher zu eigen gemacht, betrachteten aber die wirkliche Sektion als her­abwürdigendes Geschäft, das sie einem Gehilfen überließen.

Die Lehrer hielten Vorlesungen, kümmerten sich aber kaum darum, ob ihre Aussagen mit den Tatsachen übereinstimmten. Die Gehilfen, wissenschaftlich wenig gebildet, bemühten sich darum, ihre Auftraggeber nicht bloßzustellen. Die unglaublichsten Irrtü­mer wurden so laufend wiederholt. Merkmale, die Galen bei Tieren gefunden hatte, und die er daher auch beim Menschen vermutete, wurden auch beim Menschen immer wieder „gefunden“, obgleich sie da gar nicht existierten.

Der italienische Anatom Mondino de' Luzzi (1275 - 1326) war in dieser traurigen Lage eine Ausnahme. Er sezierte selbst an der medizinischen Schule von Bologna und schrieb 1316 das erste ausschließlich der Anatomie gewidmete Buch. Er ist daher als der „Erneuerer der Anatomie“ bekannt. Diesen Namen trägt er aber zu Unrecht. Mondino hatte nicht den Mut, vollständig mit den Irrtümern der Vergangenheit zu brechen, denn bei einigen seiner Beschreibungen ist deutlich zu erkennen, dass er den Text der alten Bücher seinen eigenen Beobachtungen vorzog. Außerdem bürgerte sich nach seinem Ableben die alte Gewohnheit wieder ein, die Sektionen von einem Gehilfen ausführen zu lassen.

Im Laufe der Renaissance bildete sich zusehends ein neuer Naturalismus in der Kunst heraus. Die Maler lernten die Gesetze der Perspektive auf ihre Gemälde anzuwenden, so dass ihre Bilder dreidimensional erschienen. Darüber hinaus strebte man in der Kunst nach möglichst naturgetreuer Gestaltung. Um den menschlichen Körper wirklichkeitsgetreu erscheinen zu lassen, musste man (wenn man ganz gewissenhaft sein wollte) nicht nur die Umrisse der äußeren Hülle des Körpers, sondern auch die Beschaffenheit der Muskeln unter der Haut, die Sehnen und Bänder und sogar die Anordnung der Knochen kennen. Die Künstler wurden deshalb notwendig zu Amateur-Anatomen.

Vielleicht ist der Italiener Leonardo da Vinci (1452 -1519) der berühmteste Künstler-Anatom, der sowohl Menschen als auch Tiere sezierte. Er war insofern gegenüber den gewöhnlichen Anatomen im Vorteil, als er das, was er sah, durch Zeichnungen hervorragender Qualität illustrieren konnte. Er untersuchte und zeichnete die Art und Weise wie Knochen und Gelenke angeordnet waren. Dadurch gelang es ihm als erstem, genau anzugeben, wie ähnlich die Knochen eines menschlichen Beines denen eines Pferdebeines trotz äußerlicher Unterschiede waren. Dies war ein Beispiel für die „Homologie“, welche äußerlich verschiedene Tiere in testgefügte Gruppen einteilte. So wurde ein weiterer Grundstein für die Evolutionstheorie gelegt.

Leonardo untersuchte und zeichnete die Wirkungsweise des Auges und des Herzens. Er malte auch pflanzliches Leben. Aus Interesse an der Möglichkeit der Konstruktion einer Flugmaschine beobachtete er Vögel mit großer Aufmerksamkeit und zeichnete sie im Fluge. All das verwahrte er jedoch in geheim­gehaltenen Aufzeichnungen, so dass seine Zeitgenossen davon nichts erfuhren. Erst in der Neuzeit hat man diese Arbeiten ent­deckt. Aus diesem Grund hat er das wissenschaftliche Denken seiner Zeit nicht beeinflussen können.

So wie die Anatomie erhielt auch die Naturgeschichte langsam neue Impulse. Das fünfzehnte Jahrhundert erlebte in Europa den Beginn eines Zeitalters der Entdeckungen. Europäische Schiffe fuhren die afrikanischen Küsten entlang, erreichten In­dien und die weiter östlich gelegenen Inseln. Amerika wurde entdeckt. Wie schon einmal nach den Eroberungen der Mazedonier und Römer erregten neue und bis dahin unbekannte Pflanzen und Tierarten die Wissbegierde der Gelehrten.

Zum Seitenanfang

Der italienische Botaniker Prospero Alpini (1553 - 1617) war der Leibarzt des venezianischen Konsuls in Kairo. Dort hatte er Ge­legenheit, die Dattelpalme zu studieren, und er stellte fest, dass es männliche und weibliche Bäume gab. Teophrastus hatte das schon zweitausend Jahre vorher bemerkt. Aber diese Tatsache war in Vergessenheit geraten und die Ungeschlechtlichkeit der Pflanzen allgemein akzeptiert worden. Alpini war auch der erste Europäer, der die Kaffeepflanze beschrieb. Die Naturgeschichte der Renaissance erreichte ihren literarischen Höhe­punkt durch den Schweizer Naturforscher Konrad von Gesner (1516 – 65). Was seine weitreichenden Interessen, seine allge­meine Wissbegierde, seine Neigung zur Leichtgläubigkeit und seine Überzeugung angeht, dass eine bloße Anhäufung von Auszügen aus den alten Büchern ein Wegweiser zur allgemeinen Erkenntnis sei, war er Plinius sehr ähnlich. Man nennt ihn daher auch gelegentlich den „deutschen Plinius“.

In den ersten Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts erwachte Europa aus seinem wissenschaftlichen Tiefschlaf und drang bis an die Front der griechischen Wissenschaft vor. Man erzielte jedoch keine weiteren Fortschritte, solange die europäischen Gelehrten nicht erkannten, dass die griechischen Bücher nur ein Anfang waren. Die wissenschaftliche Welt musste sich zwar zunächst ihres Inhalts bemächtigen, sich dann aber von ihm lösen, anstatt ihn ängstlich zu behüten oder gar zu verherrlichen. Wie schwierig es war, aus der Gedankenwelt der Griechen auszubrechen und die Grenzen zu überschreiten, zeigen die Arbeiten Mondinos.

Vielleicht musste man ein halbverrückter Prahlhans sein, um den Durchbruch vollziehen und als lebendes Bindeglied zur modernen Zeit dienen zu können. Ein Schweizer Arzt mit Namen Theophrastus Bombastus von Hohenheim 1493 - 1541) vollbrachte dies. Sein Vater unterwies ihn in der Medizin, er kam viel in der Welt herum und hatte einen aufnahmefreudigen Geist. Auf seinen Reisen griff er viel Neues auf, das seinen zu Hause geblie­benen Zeitgenossen unbekannt war. So machte er aus sich selbst einen gelehrten Arzt.

Die Alchimie, welche die Europäer auf dem Umwege über die Araber von den alexandrinischen Griechen gelernt hatten, fand sein Interesse. Man kann den gewöhnlichen Alchimisten - so­fern er kein ausgemachter Betrüger war - mit dem heutigen Chemiker vergleichen. Die beiden spektakulären Ziele der Alchimie stellten sich aber als Irrlichter heraus, denen man nie näher kom­men konnte, jedenfalls nicht mit alchimistischen Methoden.

Die Alchimisten versuchten zunächst Methoden zur Umwandlung der Grundmetalle, z.B. Blei in Gold zu finden. Dann suchten sie das, was gemeinhin „Stein der Weisen“ genannt wurde - ein trockenes Material, von dem einige annahmen, es könne ein Medium zur Verwandlung unedler Metalle in Gold sein, während andere es als universales Heilmittel betrachteten, ein Lebenselexier, das sogar den Schlüssel zur Unsterblichkeit bedeutete.

Die Bemühungen Gold herzustellen, wurden von Hohenheim für unsinnig gehalten. Er war vielmehr der Auffassung, dass das wahre Ziel der Alchimie in der Hilfe für den Arzt lag, Krankheiten zu heilen. Aus diesem Grunde konzentrierte er sich auf den Stein der Weisen, den er vorgab, entdeckt zu haben. (Er zögerte nicht mit der Behauptung, dass er ewig leben würde. Bedauerlicherweise starb er an den Folgen eines Unfalls noch vor Vollendung seines fünfzigsten Lebensjahres.)
Hohenheims alchimistische Untersuchungen führten ihn dazu, für therapeutische Zwecke Heilmitteln mineralischen Ursprungs besondere Beachtung zu schenken. Er zog wütend über die alten Griechen her. Die Arbeiten von Celsus waren gerade übersetzt worden und galten als die Bibel der europäischen Ärzte. Hohenheim nannte sich selbst „Paracelsus (besser als Celsus), und er ist der Nachwelt nur unter diesem prahlerischen Namen bekannt.

Paracelsus war 1527 Stadtarzt in Basel. Um seinen Ansichten soviel Publizität wie nur irgend möglich zu geben, verbrannte er Exemplare der Bücher von Galen und Avicenna auf dem Rat­hausplatz. Als Folge davon manövrierten ihn seine konservativen Gegner unter den Ärzten aus Basel hinaus. Aber das änderte seine Meinung nicht. Paracelsus zerstörte weder die griechische Naturwissenschaft noch die Biologie, doch hatten seine Angriffe Beachtung bei den Gelehrten gefunden. Seine eigenen Theorien waren nicht sehr viel besser als die der Griechen, gegen die er so wütend schimpfte. Aber es war eine Zeit, in der eine solche Bilderstürmerei notwendig und um ihrer selbst willen wertvoll war. Seine laute Verachtung der Alten brachte die Säulen orthodoxen Denkens ins Wanken, und obgleich die griechische Naturwissen­schaft noch eine Zeitlang ihren Würgegriff um den europäischen Geist hielt, wurde dieser Griff zusehends schwächer.

Zum Seitenanfang

Vorarlberger Bildungsserver