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GESCHICHTE DER BIOLOGIE

Mittelalter (2)

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Das frühe Mittelalter

Das Christentum entwickelte sich in der Zeit des Niedergangs des Römischen Reiches immer mehr zur vorherrschenden Religion. Als das Reich (oder eher seine westlichen Gebiete) vollends unter dem Ansturm germanischer Stämme begraben wurde, ließen sich auch diese zum Christentum bekehren.

Diese neue Religion zerstörte nicht die griechische Naturwissenschaft, denn diese hatte schon in den letzten Zügen gelegen, als die Christenheit noch eine unbekannte Sekte war. Tatsächlich hatte naturwissenschaftliches Denken schon weit vor Christi Geburt Anzeichen ernster Erkrankung gezeigt. Dennoch arbeitete die Vorherrschaft des Christentums viele Jahrhunderte hindurch gegen eine Wiederbelebung der Naturwissenschaft. Der christliche Standpunkt war dem der ionischen Philosophen vollständig entgegengesetzt. Nach christlicher Auffassung war nicht die Welt der Sinne von Bedeutung, sondern das „Reich Gottes“, welches man nur durch Offenbarung erreichen konnte. Die Bibel, die Schriften der Kirchenväter und die Inspirationen der Kirche selbst waren die einzigen sicheren Wegweiser dorthin.

Der Glaube an das Bestehen eines unveränderlichen, beständigen Naturgesetzes wich der Vorstellung, dass die Welt fortwährend das wunderbare Eingreifen Gottes im Namen seiner Heiligen erführe. Das Studium weltlicher Dinge galt für manche wirklich als ein Werk des Satans, welches nur dazu angetan war, die Christen von der richtigen Hinwendung zu geistlichen Dingen abzulenken. Von diesem Standpunkt aus wurde die Naturwissenschaft zu einer Angelegenheit des Teufels.

Sicherlich teilten nicht alle diese Meinung, und das Licht der Naturwissenschaft behauptete sich als schwache Glut inmitten der Schatten des sogenannten „finsteren Mittelalters“. Der Engländer Beda (673 - 735), kein Gelehrter von Beruf, kämpfte um das Überleben weltlicher Wissenschaft und bewahrte von dem Wissen des Altertums soviel er konnte. Da dieses Sammeln sich jedoch hauptsächlich auf die Reste der Überlieferungen von Plinius bezog, standen seine Aufzeichnungen auf keinem sehr hohen Niveau.

Vielleicht wären alle Erkenntnisse des Altertums in Vergessenheit geraten, wenn die Araber nicht gewesen wären. Die Araber übernahmen die von Mohammed im siebten Jahrhundert gepre­digte Religion des Islam, die sogar noch jünger als das Christen­tum war. Sie brachen plötzlich aus ihrer unfruchtbaren Halbinsel aus und überfluteten Südwestasien und Nordafrika. Im Jahre 730, ein Jahrhundert nach Mohammed, standen die Moslems vor den Toren Konstantinopels im Osten und am Rande Frankreichs im Westen.

Militärisch und auch kulturell schienen sie eine furchtbare Geißel und Gefahr für das christliche Europa zu sein. Doch im intellek­tuellen Bereich erwiesen sie sich letzten Endes als ein Segen. Sie waren genauso wenig wie die Römer große wissenschaftliche Neuerer, sie entdeckten aber die Arbeiten solcher Männer wie Aristoteles und Galen wieder, die sie ins Arabische übersetzten. Die Werke dieser Männer wurden von ihnen bewahrt, studiert und kommentiert. Der bedeutendste unter den moslemischen Biolo­gen war der persische Arzt Abu - Ali al - Husayn Ibn - Sina, der allgemein unter dem Namen Avicenna (980 - 1037)bekannt ist. Das ist die lateinische Version des letzten Teils seines Namens. Avicenna schrieb zahlreiche Bücher denen die medizinischen Theorien des Hippokrates und das gesammelte Material der Celsus-Bücher zugrunde lagen.

Aber etwa zu dieser Zeit hatte sich, wenigstens in Westeuropa, das Blatt gewendet. Christliche Armeen hatten das mehrere Jahrhunderte hindurch von Moslems beherrschte Sizilien und auch Spanien zurückerobert. Gegen Ende des elften Jahrhunderts nahmen die sogenannten Kreuzzüge ihren Anfang: westeuropäische Armeen begannen in den nahen Osten einzudringen.

Durch die Berührung mit dem Kulturkreis des Feindes wurde den Europäern bewusst, dass diese Kultur keineswegs ein Werk des Satans, dass sie vielmehr in mancher Hinsicht fortschrittlicher und höher entwickelt war als ihr eigener Lebensstil. Europäische Gelehrte begannen die moslemische Wissenschaft zu durchmu­stern, und Übersetzungen wissenschaftlicher Bücher aus dem Arabischen in die europäischen Sprachen standen hoch im Kurs. Der italienische Gelehrte Gerard von Cremona (1114 - 87) über­setzte die Werke von Hippokrates, Galen und einige Arbeiten von Aristoteles ins Lateinische. Er arbeitete im gerade zurück­eroberten Spanien an seinen Übersetzungen, wo er der Hilfe moslemischer Gelehrter sicher sein konnte.

Einer der Anhänger des wiederentdeckten Aristoteles war der deutsche Gelehrte Albertus Magnus, (1206-80). Seine Vorlesungen und Schriften waren fast ausschließlich aristotelisch. Er half, die griechische Wissenschaft aufs neue zu begründen, so dass auf diesem Fundament weiter aufgebaut werden konnte.

Thomas von Aquin (ca. 1225 – 74), ein italienischer Schüler des Albertus Magnus, versuchte die aristotelische Philosophie mit dem christlichen Glauben in Einklang zu bringen und hatte damit im großen und ganzen auch Erfolg. Er war der Auffassung, dass der denkende Verstand genauso wie der Rest des Universums eine Schöpfung Gottes sei, und dass man durch richtiges Denken niemals zu Erkenntnissen gelangen könne, die dem christlichen Glauben widersprächen. Der Verstand war daher nichts Schlech­tes oder Schädliches. Insofern war Thomas von Aquin ein Rationalist.

Alle Voraussetzungen für eine Erneuerung des Rationalismus waren damit gegeben.

 

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