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GESCHICHTE DER BIOLOGIE

Altertum (1)

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Die Anfänge der Naturwissenschaften

Gegenstand der Biologie ist die Erforschung lebender Organismen. Die vorwissenschaftliche Biologie nahm ihren Anfang, als der menschliche Geist ein Entwicklungsstadium erreicht hatte, in dem er sich als verschieden von der ihn umgebenden Natur begreifen konnte.

Ungezählte Jahrhunderte hindurch konnte man aber die Biologie nicht als Wissenschaft ansprechen. Zunächst mussten die Menschen sich und andere von ihren verschiedenen Leiden befreien und versuchen, Schmerzen zu lindern, die Gesundheit wiederherzustellen und den Tod abzuwenden. Zuerst bedienten sie sich dazu magischer oder religiöser Riten. Der betreffende Gott oder Dämon sollte gezwungen oder durch Schmeicheleien dazu gebracht werden, den Lauf der Ereignisse zu ändern.

Und doch erfuhren Menschen dann ganz zwangsläufig etwas von den Lebensfunktionen des tierischen Organismus, wenn ein Tier vom Fleischer für die Nahrung oder vom Priester für ein Opfer zerlegt wurde. Aber die Aufmerksamkeit, die der genauen Beschaffenheit der Organe gewidmet wurde, galt nicht dem Studium ihrer Funktionen, man wollte vielmehr Weissagungen für die Zukunft erhalten. Die ersten Anatomen waren daher auch heilige Männer, die das Schicksal von Königen und Völkern aus der Gestalt und dem Aussehen der Leber des Widders vorhersagten.

Zweifellos gewann man sogar unter dem überwältigenden Einfluss des Aberglaubens im Laufe der Zeit viel brauchbares Wissen. Praktische Kenntnisse der menschlichen Anatomie mussten auch die Menschen besessen haben, die Mumien im alten Ägypten so geschickt einbalsamierten. Der in der babylonischen Geschichte auf das Jahr 1920 v. Chr. zurückgehende Kode von Hammurabi enthielt bis ins einzelne gehende Richtlinien für den medizinischen Berufsstand, und in jenen Tagen hat es Ärzte gegeben, deren Kenntnisse auf der generationenlangen Sammlung praktischer Erfahrung beruhten, die zugleich nützlich und hilfreich gewesen sein mussten.

Solange jedoch die Menschen daran glaubten, dass das Universum vollständig von launenhaften Dämonen beherrscht und das Natürliche dem übernatürlichen untergeordnet sei, konnte wissenschaftlicher Fortschritt nur sehr schleppend vorankommen. Es war nur natürlich, dass sich die besten Geister nicht dem Studium der sichtbaren Welt widmeten, sondern durch Inspiration oder Offenbarung ein Verständnis des Unsichtbaren und Kontrolle über das Jenseits zu erreichen suchten.

Sicher werden einzelne Menschen dann und wann diese Einstellung verworfen und sich auf das Studium der Sinnenwelt konzentriert haben. Diese waren jedoch durch eine feindliche Kultur verloren und unterdrückt, so dass ihre Namen der Nachwelt nicht überliefert sind und ihr Wissen ohne Einfluss blieb.

Erst durch die alten Griechen trat hier eine Änderung ein. Es war ein ruheloses Volk: wissbegierig, redefreudig, intelligent, streitsüchtig und zuweilen auch respektlos. Die überwiegende Mehrheit der alten Griechen lebte wie alle anderen Völker dieser Zeit und früherer Jahrhunderte inmitten einer unsichtbaren Welt von Göttern und Halbgöttern. Obgleich ihre Götter weit anziehender waren als die heidnischen Gottheiten anderer Nationen, waren sie dennoch nicht weniger kindisch in ihren Motivierungen und Reaktionen. Krankheit brachten die Pfeile des Apollo. Dieser konnte durch eine Nichtigkeit in blinde Raserei ausbrechen und durch Opfer und entsprechende Schmeicheleien ausgesöhnt werden.

Es gab aber auch Griechen, die diese Ansichten nicht teilten. Um das Jahr 640 v. Chr. trat in Ionien (heutige Türkei) eine Reihe von Philosophen mit einer neu gegründeten Bewegung hervor, die das alles ändern sollte. Wie uns überliefert ist, war Thales (64o[?] - 546 v. Chr.) der erste von ihnen.

Die ionischen Philosophen schenkten dem Übernatürlichen keine Beachtung und nahmen statt dessen an, dass sich die Geschehnisse des Universums nach einem festen, unveränderlichen Plan vollzögen. Sie legten ihren Betrachtungen das Kausalitätsprinzip zugrunde: Jedes Ereignis hat eine Ursache, und eine bestimmte Ursache hat unausweichlich eine bestimmte Wirkung, die nicht durch einen launenhaften Willen geändert werden kann.

Eine weitere Annahme war die, dass der menschliche Geist das Naturgesetz, welches das Universum beherrschte, erfassen und aus Grundprinzipien oder aus Beobachtungen deduzieren könne.

Dieser Standpunkt verlieh der Erforschung des Universums Würde. Man behauptete, dass der Mensch das Universum verstehen könne, und gab die Versicherung, dass das einmal gewonnene Verständnis für alle Zeiten von Dauer sein würde. Wenn z. B. die Bewegungsgesetze der Sonne bekannt wären, brauche man nicht die plötzliche Nutzlosigkeit dieses Wissens zu befürchten, nur weil irgendein Phaeton die Zügel des Sonnenwagens ergriffe und diesen auf willkürlichem Kurs über den Himmel steuere.

Nur wenig ist von diesen frühen ionischen Philosophen bekannt; ihre Arbeiten sind alle verlorengegangen. Aber ihre Namen und das Wesentliche ihrer Lehren leben weiter fort. Auch ist die mit ihnen beginnende Philosophie des „Rationalismus“(Überzeugung, das Universum durch Vernunft und nicht durch Offenbarung verstehen zu können) niemals ausgestorben. Sie hatte eine stürmische Jugend. Ihr Licht wurde aber nach dem Zerfall des Römischen Reiches nahezu ausgetreten, wenn es auch nie ganz verlosch.

 

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IONIEN

Nachdem das Studium des inneren Mechanismus des Tierkörpers als Selbstzweck und nicht mehr zur Übermittlung göttlicher Botschaften betrieben wurde, kehrte eine wissenschaftliche Betrachtungsweise in die Biologie ein. Die Überlieferung berichtet uns, dass Alkmäon (6. Jahrhundert v. Chr.) der erste Mensch war, der Tierkörper sezierte, nur um ihre inneren Organe zu beschreiben. Ungefähr um das Jahr 500 v. Chr. beschrieb Alkmäon die Nerven des Auges und untersuchte die Struktur des im Ei sich entwickelnden Huhns. Er kann somit als der erste Student der Anatomie (Untersuchung der Struktur lebender Organismen) und der Embryologie (Untersuchung der Organismen vor der Geburt) betrachtet werden. Alkmäon beschrieb sogar die schmale Röhre, die das Mittelohr mit der Kehle verbindet. Das wurde von späteren Anatomen aus dem Auge verloren und erst zweitausend Jahre später wiederentdeckt.

Hippokrates (400[?] – 377[?] v.Chr.) ist jedoch der bedeutendste Name, den man mit den wissenschaftlichen Anfängen der Biologie in Verbindung bringen kann

Über den Mann selbst weiß man buchstäblich nichts, außer dass er auf der Insel Kos, welche der ionischen Küste vorgelagert ist, geboren wurde. Auf jener Insel befand sich ein Tempel, der dem griechischen Gott der Medizin, Asklepius, geweiht war. Man kann diesen Tempel als Äquivalent zu den medizinischen Fakultäten unserer Universitäten auffassen. Dort als Priester angenommen zu werden, dürfte einem heutigen medizinischen Abschlussexamen entsprochen haben.

Hippokrates erwies der Medizin dadurch einen großen Dienst, dass er die Stellung des Gottes Asklepius auf eine bloße Ehrenfunktion reduzierte. Nach seiner Auffassung konnte kein Gott die medizinische Wissenschaft beeinflussen, und ein Körper war dann gesund, wenn alle Teile gut und harmonisch arbeiteten während in einem kranken Körper das nicht der Fall war.

Die Aufgabe des Arztes bestand in der sorgfältigen Beobachtung, um dadurch die Störung des Organismus zu finden und diese dann durch geeignete Maßnahmen zu beheben. Die zu verschreibende Therapie bestand weder aus Gebet noch aus Opfer, auch nicht daraus, Dämonen auszutreiben oder Götter zu besänftigen, Sie bestand vielmehr in der 'Hauptsache darin, ruhig und sauber zu halten, ihm frische Luft zu verschaffen und einfache, bekömmliche Kost zu reichen. Jede Art von Ausschweifung musste den Arbeitsmechanismus des Körpers in der einen oder anderen Weise stören. In allen Dingen war daher das rechte Maß zu halten.

Kurz gesagt beschränkte sich die Rolle des Arztes nach Hippokratischer Auffassung darauf, durch die natürlichen Gesetze selbst den Heilprozess herbeiführen zu lassen. Der Körper besitzt selbstheilende Kräfte, denen jede Möglichkeit zur Entfaltung gegeben werden muss. Im Hinblick auf die begrenzten Kenntnisse der damaligen Medizin war das ein hervorragender Standpunkt.

Hippokrates begründete eine medizinische Tradition, die noch jahrhundertlang fortbestand. Die Ärzte dieser Tradition veröffentlichten ihre Schriften unter seinem ehrenvollen Namen, so dass man nicht sagen kann, welche der Bücher von ihm selbst stammen. Zum Beispiel wurde der Hippokratische Eid, der noch heute von den Studenten der Medizin beim Empfang der Examensurkunde gesprochen wird, ganz gewiss nicht von ihm geschrieben, sondern wahrscheinlich erst sechs Jahrhunderte nach seiner Zeit verfasst. Andererseits handelt eine der ältesten Hippokratischen Schriften, die sehr gut von Hippokrates selbst stammen könnte, von der Epilepsie. In diesem Falle wäre sie ein ganz ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie wissenschaftliches Denken Eingang in die Biologie gefunden hat.

Die Epilepsie ist eine Störung der Gehirnfunktion (auch heute noch nicht vollständig erforscht), bei welcher die normale Kontrolle des Gehirns über den Körper versagt. Bei weniger heftigern Auftreten werden Sinneseindrücke vom Kranken falsch gedeutet, und er leidet dann an Halluzinationen. In schwereren Fällen können die Muskeln nicht mehr kontrolliert werden, der Epileptiker fällt zu Boden, schreit, zuckt krampfartig und verletzt sich manchmal erheblich.

Der epileptische Anfall dauert nicht lange, aber es ist ein schrecklicher Anblick für die Anwesenden. Wenn man den verwickelten Bau des Nervensystems nicht kennt, läuft man leicht Gefahr zu glauben, dass eine Person, die sich nicht nach eigenem Willen bewegt und sich dabei noch selbst verletzt, von einer übernatürlichen Kraft gesteuert wird. Der Epileptiker ist „besessen“, und die Krankheit ist die „heilige Krankheit“, da übernatürliche Kräfte im Spiele sind.

In dem Buch „Über die heilige Krankheit“, welches um das Jahr 400 v. Chr. möglicherweise von Hippokrates selbst geschrieben wurde, wird dieser Standpunkt scharf bekämpft. Hippokratesbehauptete, es sei ganz allgemein nutzlos, Krankheiten eine göttliche Ursache zuzuschreiben, und es gebe keinen Grund, weshalb die Epilepsie davon eine Ausnahme machen sollte.

Die Epilepsie habe eine natürliche Ursache und müsse vernünftig behandelt werden. Wenn die Ursache unbekannt und die Behandlung ungewiss sei, ändere das nichts am Prinzip.

Für die moderne Naturwissenschaft ist keine bessere Grundauffassung denkbar, und wenn man unbedingt einen Zeitpunkt, einen Mann und ein Buch sucht, durch die der Beginn wissenschaftlicher Biologie festgelegt werden kann, so ist es kein Fehler, auf das Datum 400 v.Chr. den Mann Hippokrates und das Buch „Über die heilige Krankheit“ hinzuweisen.

 

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ATHEN

Die griechische Biologie und die Naturwissenschaft ganz allgemein erreichten eine Art Höhepunkt mit Aristoteles (384 - 322 v. Chr.). Er kam aus Nordgriechenland und war der Lehrer des jungen Alexander, der später einmal „der Große“ genannt werden sollte. Aristoteles hatte seine große Zeit in seinen mittleren Jahren, als er das berühmte Lyzeum in Athen gründete, an dem er auch lehrte. Er war der vielseitigste und gründlichste aller griechischen Philosophen, der über fast alle Gegenstände schrieb, voll der Physik bis zur Literatur, von der Politik bis zur Biologie. In späteren Zeiten erreichten seine physikalischen Schriften, die sich hauptsächlich mit der Struktur und Funktionsweise des unbelebten Universums befassten, große Berühmtheit. Doch waren gerade diese Arbeiten, wie sich später herausstellte, völlig falsch.

Andererseits war die Biologie und besonders das Studium der Meerestiere seine erste und liebste intellektuelle Beschäftigung. Zudem erwiesen sich die biologischen Bücher als die besten seiner wissenschaftlichen Arbeiten, obgleich sie in späteren Zeiten am wenigsten beachtet wurden.

Aristoteles beschrieb sorgfältig und genau Erscheinung und Eigenart von Tieren (naturgeschichtliche Betrachtungen). Seine Liste umfasste ungefähr fünfhundert Arten oder „Spezies“ von Tieren, unter denen er differenzierte. Das Aufstellen der Liste an sich würde noch keine besondere Leistung gewesen sein, aber Aristoteles ging weiter. Er erkannte, dass verschiedene Tiere in Kategorien eingeteilt werden konnten und dass diese Gruppierung nicht unbedingt einfach und leicht durchzuführen war. Zum Beispiel ist es leicht, die Landtiere in Vierflügler, in fliegende und gefiederte Tiere (Vögel) und einen verbleibenden Rest (Schädlinge) einzuteilen. Meerestiere können alle unter der Überschrift „Fische“ aufgeführt werden. Wenn man nach dieser Methode vorgehen will, ist es jedoch nicht immer einfach zu entscheiden, zu welcher Kategorie ein bestimmtes Tier gerechnet werden muss. Zum Beispiel ergab sich sehr deutlich aus Aristoteles' sorgfältiger Beobachtung des Delphins, dass dieses Tier in vielfacher und wichtiger Hinsicht einem Fisch in keiner Weise ähnelte, obgleich eine oberflächliche Betrachtung seines Aussehens und seiner Gewohnheiten seine Zugehörigkeit zur Kategorie „Fisch“ nahe legte. Der Delphin hatte Lungen und atmete Luft; er würde, ganz im Gegensatz zu Fischen, ertrinken, falls er unter der Wasseroberfläche festgehalten würde. Er war ein Warmblütler und kein Kaltblütler wie gewöhnliche Fische. Außerdem, und das war das

Wichtigste, brachte er lebende Junge zur Welt, die vor der Geburt durch den Mutterkuchen ernährt wurden. in allen diesen Dingen war der Delphin den behaarten warmblütigen Tieren des Landes sehr ähnlich. Aristoteles hielt es dieser Ähnlichkeit

wegen für notwendig, die Gruppe der Wale (Wale, Delphine) mit den Landtieren und nicht mit den Fischen in eine Klasse zu werfen. Darin war er seiner Zeit um zweitausend Jahre voraus, denn die Wale wurden im Altertum und im Mittelalter zu den Fischen gerechnet. Auch seine Einteilung der Schuppenfische in solche mit einem Knochenskelett und solche (wie die Haifische) mit einem Knorpelskelett entspricht wiederum ganz der modernen Auffassung. Bei der Klassifikation der Tiere und seinem Vergleich dieser mit dem Rest des Universums konnte ' Aristoteles' ordnender Geist nicht widerstehen, die Dinge immer komplexer einzuordnen. Er sah, wie die Natur stufenweise in Richtung auf den Menschen fortschritt, der (und das zu glauben ist für den Menschen ganz natürlich) an der der Spitze der Schöpfung stand.

Somit könnte man das Universum in vier Reiche in aufsteigender Folge einteilen:

  • In das unbelebte Reich des Festlandes, des Wassers und der Luft,
  • in das Pflanzenreich,
  • in das Tierreich und
  • am höchsten stehend das Reich der Menschen.
  • Das unbelebte Reich existiert nur, das Pflanzenreich existiert nicht nur, sondern vermehrt sich auch, die Tiere bewegen sich außerdem; und der Mensch besitzt darüber hinaus noch die Fähigkeit zu denken.

    Jedes der Reiche lässt sich aber noch unterteilen. Die Pflanzen kann man in einfacher und höher organisierte gruppieren. Bei den Tieren ist das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von rotem Blut ein Unterscheidungsmerkmal. Die Tiere ohne rotes Blut schließen folgende Arten in der Reihenfolge komplizierterer Organisationen ein: Schwämme, Weichtiere, Insekten, Krustentiere und Tintenfische (nach Aristoteles). Die Tiere mit rotem Blut stehen höher in seinem Schema und umfassen Fische, Reptilien, Vögel und vierbeinige Landtiere.

    Aristoteles erkannte, dass es auf dieser „Leiter des Lebens“ keine scharfen Grenzen gab und dass man außerstande war, die einzelnen Arten genau zu klassifizieren. Primitive Pflanzen schienen kaum eine Eigenschaft des Lebens zu besitzen, einfache Tiere (z. B. Schwämme) waren pflanzenähnlich und so weiter.

    Die Überzeugung aber, dass sich eine Form des Lebens in eine andere verwandeln, dass eine Kreatur, die auf einer höheren Sprosse steht, von einer, die sich weiter unten befindet, abstammen könnte, zeigte sich bei Aristoteles an keiner Stelle seiner Arbeiten.

    Aber gerade diese Auffassung ist der Schlüssel moderner Evolutionstheorien. Aristoteles war jedoch kein Anhänger des Evolutionsgedankens. Die Aufstellung der Lebensleiter brachte aber unvermeidlich Gedankengänge hervor, die schließlich zwangsläufig zum Evolutionsbegriff führten.

    Aristoteles ist zwar der Begründer der Zoologie (Erforschung des Tierreichs), doch geht aus seinen erhaltengebliebenen Schriften hervor, dass er das Pflanzenreich ziemlich vernachlässigt hat. Nach seinem Tode übernahm sein Schüler Theophrastus (ungefähr 380 - 287 v. Chr.) die Leitung der aristotelischen Schule und machte das Versäumnis seines Meisters wett. Theophrastus begründete die Botanik, (die Lehre von den Pflanzen) und beschrieb etwa 5oo Pflanzenarten in seinen Schriften.

     

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    ALEXANDRIA

    Nach der Eroberung des Persischen Reiches durch Alexander den Großen breitete sich die griechische Kultur schnell unter den Völkern des Mittelmeergebietes aus. Ägypten fiel unter die Herrschaft der PtoIemäer (Nachfahren eines der Generale Alexanders), und Griechen strömten in die neu gegründete Hauptstadt Alexandria. Dort errichteten und unterhielten die ersten Ptolemäer das Museum, welches von den Bildungsstätten des Altertums wohl am ehesten einer heutigen Universität entsprach. Die alexandrinischen Gelehrten sind berühmt wegen ihrer Forschungen auf den Gebieten Mathematik, Astronomie, Geographie und Physik. Weniger bedeutend ist die alexandrinische Biologie, doch können wenigstens zwei hervorragende Namen genannt werden. Das sind Herophilus und sein Schüler Erasistratus (auf der Höhe ihres Schaffens 300 v. Chr. resp. 250 v. Chr.).

    Unter dem Christentum beschuldigte man sie der öffentlichen Sezierung menschlicher Körper zum Zwecke des Lehrens. Aber wahrscheinlich haben sie das bedauerlicherweise nicht getan. Herophilus war der erste, der dem Gehirn ausreichende Beachtung schenkte. Er betrachtete es als Sitz der Intelligenz. AIkamäon und Hippokrates hatten das im Gegensatz zu Aristoteles auch angenommen. Letzterer vertrat die Ansicht, dass das Gehirn nur die Funktion hätte, das Blut zu kühlen. Herophilus konnte zwischen sensorischen Nerven (sie empfangen Sinnesempfindungen) und motorischen Nerven (sie leiten Bewegungsreize vom Gehirn und Rückenmark zum Muskel hin) und auch zwischen Arterien und Venen unterscheiden. Dabei bemerkte er den Pulsschlag der Arterien und stellte fest, dass die Venen nicht diese Eigenschaft hatten. Er beschrieb die Leber, die Milz die Netzhaut des Auges und den vorderen Teil des Dünndarms (welchen wir heute Zwöllfingerdarm nennen). Ferner wurden die Eierstöcke und verwandte Organe des weiblichen und die Vorsteherdrüse des männlichen Körpers beschrieben. Erasistratus leistete Beiträge zur Untersuchung des Gehirns und wies auf die Einteilung dieses Organs in das größere „Großhirn“ und das kleinere „Kleinhirn“ hin. Insbesondere bemerkte er die Windungen des Gehirns und beobachtete, dass diese beim Menschen ausgeprägter als bei Tieren auftreten. Aus diesem Grunde brachte er die Gehirnwindungen mit der Intelligenz in Zusammenhang.

    Nach einem solch vielversprechenden Anfang muss der Niedergang der alexandrinischen Schule der Biologie sehr bedauert werden. Aber der Verfall war unabwendbar. Tatsächlich ging die gesamte griechische Naturwissenschaft ungefähr ab 200 v. Chr. ihrem Ende entgegen. Vier Jahrhunderte hindurch hatte sie in hoher Blüte gestanden. Energie und Wohlstand waren aber durch die ständigen Kriege der Griechen untereinander leichtsinnig vertan worden. Sie fielen zuerst unter mazedonische und später römische Herrschaft. Immer mehr wendete sich ihre Gelehrsamkeit dem Studium der Rhetorik, Ethik und Moralphilosophie zu. Dagegen zeigten sie wenig Interesse für Naturphilosophie, für das wissenschaftliche Studium der Natur, welches mit den Ioniern begonnen hatte.

    Die Biologie litt besonders schwer unter diesen Verhältnissen. Das Leben wurde im Gegensatz zur unbelebten Natur als heilig betrachtet und war daher ein weniger geeigneter Gegenstand für die wissenschaftliche Forschung. Das Sezieren des menschlichen Körpers erschien vielen als Frevel. Daher unterließ man es entweder ganz oder unterband es, zunächst unter dem Druck der öffentlichen Meinung, dann durch Gesetz. In einigen Fällen waren die Einwände gegen eine Sektion des menschlichen Körpers religiöser Natur. Die Unversehrtheit des Körpers war für den Genus des Lebens nach dem Tode erforderlich. Anderen, z. B. den Juden und später den Christen, war die Sektion eine Gotteslästerung, da der menschliche Körper als Ebenbild Gottes geschaffen worden und daher heilig war.

     

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    ROM

    Aus den aufgeführten Gründen stellten die Jahrhunderte der römischen Herrschaft über das Mittelmeergebiet eine Zwangspause für den biologischen Fortschritt dar. Die Gelehrten schienen damit zufrieden, die Entdeckungen der Vergangenheit zu sammeln und zu erhalten und sie für eine römische Zuhörerschaft zu popularisieren. So sammelte zum Beispiel Aulus Cornelius Celsus (seine große Zeit lag um 30 nach Chr.) griechisches Wissen für eine Art naturwissenschaftliche Übersichtsvorlesung. Sein Abschnitt über Medizin blieb der Nachwelt erhalten und wurde von den Europäern zu Beginn der Neuzeit gelesen, wodurch er als Arzt zu größerer Berühmtheit kam als er es in Wahrheit verdient hätte.

    Die Erweiterung der geographischen Grenzen, die sich aus den Eroberungen der Römer ergab, ermöglichte es den Gelehrten, Pflanzen und Tiere aus Gegenden zu sammeln, die den Griechen noch unbekannt gewesen waren. Der in der römischen Armee dienende griechische Arzt Dioscorides (in der Blüte seines Schaffens 6o n. Chr.) überflügelte Theophrastus, indem er sechshundert  Pflanzenarten beschrieb. Er schenkte ihren medizinischen Qualitäten besondere Beachtung und kann daher als Begründer der Pharmakologie (Wissenschaft von den Drogen und Arzneien betrachtet werden.

    Sogar in der Naturgeschichte fasste der Enzyklopädismus Fuß. Der auf diesem Gebiet am besten bekannte römische Name ist Gaius Plinius Secundus (23 - 79 n. Chr.), der gewöhnlich als Plinius bekannt ist. Er schrieb eine siebenunddreißigbändige Enzyklopädie, in der er all das zusammenfasste, was er über Naturgeschichte bei den alten Autoren finden konnte. Seine Informationen stammten fast alle aus zweiter Hand, aus den Büchern anderer. Nicht immer unterschied er zwischen dem Einleuchtenden und dem gänzlich Undenkbaren, so dass sein Material, obgleich es in beträchtlichem Maße Tatsachen enthält (meistens von Aristoteles), dem Aberglauben und der Entstehung fantastischer Erzählungen (aus allen möglichen anderen Quellen) reichlich Vorschub leistete.

    Plinius verkörpert die Abwendung seines Zeitalters vom Rationalismus.

    Bei der Behandlung der verschiedenen Pflanzen- und Tierarten versuchte er in sehr starkem Maße deren Funktion für den Menschen herauszustellen. Nach seiner Meinung existierte nichts zum Selbstzweck, sondern als Nahrung für Menschen, als Quelle für Arzneimittel, zur Stärkung der Muskeln und des Charakters oder schließlich als eine moralische Belehrung. Das war ein den frühen Christen sehr sympathischer Gesichtspunkt, der zusammen mit dem wirklichen Interesse, welches seinen Phantasiegebilden entgegengebracht wurde, zum Teil die Tatsache erklärt, dass Plinius' Werke bis in die Neuzeit erhalten geblieben sind.

    Der in Kleinasien geborene und in Rom tätig gewesene griechische Arzt Galen (ca. 130-200 n. Chr.) war der letzte wirkliche Biologe des Altertums.

    Er hatte in seinen jüngeren Jahren als Chirurg in der Arena der Gladiatoren praktiziert und zweifellos Gelegenheit gehabt, auf grobe Art menschliche Anatomie zu beobachten. Obgleich man in der damaligen Zeit nichts gegen die grausamen und blutigen Gladiatorenspiele für das pervertierte Amüsement des Volkes einzuwenden hatte, runzelte man nach wie vor die Stirn, wenn tote Körper aus wissenschaftlichen Gründen seziert wurden. Galens anatomische Studien mussten sich hauptsächlich auf Sektionen von Hunden, Schafen und anderen Tieren beschränken. Wenn er die Gelegenheit hatte, sezierte er Affen, denn er hatte erkannt, dass hier eine Ähnlichkeit mit dem Menschen vorlag.

    Galen schrieb sehr viel und stellte bis ins einzelne gehende Theorien über die Funktionen der verschiedenen Organe des menschlichen Körpers auf. Die meisten seiner Theorien waren aber den heute anerkannten nicht ähnlich. Das hat seinen Grund sowohl in dem Mangel an Gelegenheit, den menschlichen Körper selbst zu studieren, als auch im Fehlen moderner Instrumente. Er war kein Christ, doch er glaubte fest an die Existenz eines einzigen Gottes und, wie auch Plinius, daran, dass alles zu einem bestimmten Zweck geschaffen war. So fand er überall im Körper Zeichen göttlichen Wirkens. Das alles passte gut zu der sich immer weiter verbreitenden christlichen Auffassung und erklärt Galens Popularität in späteren Jahrhunderten.

     

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    Vorarlberger Bildungsserver - Welt der Biologie