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GENETIK

Epigenetik, eine Verirrung

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In den Medien ist gelegentlich von einer „Revolution“ in den Wissenschaften die Rede, von einer Sensation, die die Fundamente der Biologie und anderer Wissenschaftsbereiche angeblich ins Wanken bringt. Im Klappentext des Buches „Liebe lässt sich vererben“ von Johannes Huber heißt es: „Die junge Forschungsdisziplin der Epigenetik rüttelt an den Festen der Biologie: Nicht nur die Gene legen fest, wie wir sind und welche Krankheitsrisiken wir tragen. Auch Einflüsse aus der Umwelt hinterlassen tiefe Spuren im Inneren einer Zelle“.

Der Genetiker lehnt sich zurück und grübelt, was damit gemeint sein könnte, denn dass mutagene Stoffe und Strahlen tiefe Spuren in den Zellen hinterlassen, wissen wir seit hundert Jahren und die Tatsache, dass Gene aus- und eingeschaltet werden können, ist seit einem halben Jahrhundert bekannt und teilweise gut erforscht. Warum also wurde für eine genetisch-biochemische Nicht-Sensation ein neuer Ausdruck namens „Epigenetik“ geprägt? Man kann nur Vermutungen entwickeln.

Jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten, jeder Trend provoziert einen Gegentrend, so folgte beispielsweise auf die Aufklärung im 18. Jahrhundert die Gegenströmung der Romantik. Das Zeitalter der Aufklärung (englisch „Age of Enlightment“, französisch „Siècle des lumières“) ist eine geistesgeschichtliche Epoche in Europa, in der unter Berufung auf eine Herrschaft der Vernunft enorme philosophische, wissenschaftliche und politische Veränderungen vor sich gingen.

Parallel und etwas zeitverzögert zu der als erschreckend empfundenen Aufklärung folgte als Protestbewegung die Romantik. Die Romantik durchzog sämtliche Bereiche der Kultur, wobei es den Romantikern weniger um die Melancholie rund um den sprichwörtlichen „Brunnen vor dem Tore“ ging, sondern um die Suche nach einer besseren und gerechteren Welt. Diese konnte nach Meinung der Romantiker die Aufklärung nicht bieten. Es handelt sich bei der Romantik um keine einheitliche Richtung, eher um eine geistige Grundhaltung, die sich als Oppositionsbewegung gegen den vermeintlich kalten Rationalismus der Aufklärung sah. Die heutigen Naturwissenschaftler sind die Urenkel der Aufklärer, und die Leute von Greenpeace, Global 2000 oder dem Naturschutzbund sind die Erben der Romantiker, wobei diese Feststellung nicht abwertend gemeint ist.

Das 20. Jahrhundert brachte drei große Revolutionen in der Grundlagenforschung: Die Quantenphysik, die Relativitätstheorie und die Gentechnik. Die Entschlüsselung der DNA, die Entwicklung der Gentechnik, die Erfolge von „Inspektor DNA“ und die Erfolge der modernen Genetik in der Evolutionsforschung erzeugten bei den Romantikern unter den Naturwissenschaftlern ein spürbares Unbehagen. Eine neoromantische Strömung in den Naturwissenschaften scheint der „Epigenetik“ bemächtigt zu haben.

Wenn man im Internet populärwissenschaftliche Bücher zum Thema „Epigenetik“ sucht, erhält man mehrere Vorschläge, drei davon seien in der Folge diskutiert.

  1. Joachim Bauer: „Das Gedächtnis des Körpers“ (Ut. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene Steuern), PIPER
  2. Peter Spork: „Der zweite Code“ (Ut. Epigenetik oder: Wie wir unser Erbgut steuern können), rororo
  3. Prof. Dr. Johannes Huber: „Liebe lässt sich vererben“ (Ut. Wie wir durch unseren Lebenswandel die Gene beeinflussen können).

Der häufigste Fehler in der epigenetischen Populärliteratur besteht darin, dass so gut wie alles im menschlichen Leben mit „epigenetischen Schaltern“ erklärt wird. Kein Bereich der Medizin, keine Krankheit, keine hohes Alter, das nicht mit „epigenetischen Schaltern“ oder dem „zweiten epigenetischen Code“ erklärt wird, wobei auf diesen Code entweder gar nicht oder nur sehr vage eingegangen wird. Auch hier gilt ein wichtiger Merksatz der Wissenschaft: Wer mit einer Theorie alles erklärt, erklärt in Wahrheit nichts.

Immer wieder werden in den genannten Büchern Experimente beschrieben, in denen Tiere allen möglichen Einflüssen wie UV-Strahlen, Pflanzenschutzmitteln, Hitzeschocks usw. ausgesetzt werden, worauf es zur „Umlegung epigenetischer Schalter kommt …“. Zur angeblichen „Verblüffung der Biologen“ zeigten die Nachkommen veränderte Merkmale. Selbstverständlich ist kein Genetiker verblüfft, denn die mutagene Wirkung von ionisierenden Strahlen, verschiedenen Säuren und Laugen sowie hohe Temperaturen ist in der Genetik seit hundert Jahren bekannt.  
  
Auffallend oft finden sich in den Büchern Passagen wie diese (Spork S 217): „Entscheidend dafür, ob eine epigenetische Information an kommende Generationen weitergegeben werde, sei die Lebensphase, in der sie programmiert wurde …“
Und gleich darauf heißt es: „Sollte sich diese Theorie tatsächlich bewahrheiten …“
Zuerst also wird eine vage Vermutung geäußert. Einen Absatz später wird die Bewahrheitung dieser Hypothese (vorsichtshalber schon Theorie genannt) herbeigewünscht, um dann später in der Behauptung zu enden, dass man damit "eindeutig bewiesen hätte, dass …“
Eine eher windige Hypothese wandelt sich innerhalb eines Absatzes in eine Theorie und schließlich in eine Tatsache.   

Sollte es ein Anliegen der Autoren sein, die Epigenetik bekannt zu machen, so mag das bei Laien möglich sein, nicht aber bei Wissenschaftlern. Der englische Biologe Richard Dawkins erwähnt die Epigenetik in einem seiner Bücher nur als Fußnote, in der es sinngemäß heißt, dass die Epigenetik solange nicht ernst genommen wird, solange sich die Epigenetiker selbst nicht darüber einig sind, was sie wirklich wollen. Genregulation ist seit den Sechzigerjahren bekannt und längst ein kleiner Teil der großen Genetik.

In der Folge werden einige Zitate aufgelistet und kommentiert. Die Fehlerliste ist unvollständig und kann beliebig erweitert werden.


Joachim Bauer: „Das Gedächtnis des Körpers“ (Ut. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene Steuern“, PIPER

Joachim Bauer ist Internist und Psychiater. In seinem Buch geht es daher großteils um Drogen, Depression, Immunabwehr, Tumoren, chronische Schmerzerkrankungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Burnout usw. Über viele Seiten beschreibt der Autor Psychotherapien mit Schmerzpatienten. Eine durchaus interessante Lektüre. Zwischen drinnen schreibt der Autor von epigenetischen Schaltern, die das eine oder andere Gen je nach Gemütsverfassung ein- oder ausschalten.

S 7: „Gene steuern nicht nur, sie werden auch gesteuert. Die Vorstellung, dass Gene auf eine starr festgelegte Weise funktionieren und danach das gesamte Leben programmieren, ist nicht zutreffend. Vielmehr unterliegen Gene zahlreichen Einflüssen.“

Um den Unsinn dieser Sätze zu entlarven, sei ein hypothetisches vergleichbares Beispiel gebracht: „Elektronen bewegen sich nicht nur, sie werden auch bewegt. Die Vorstellung, dass Elektronen den starren Gesetzen der Quantenphysik gehorchen und danach alle chemischen Reaktionen programmieren, ist nicht zutreffend, Vielmehr unterliegen Elektronen zahlreichen Einflüssen.“ Der Trick ist so faul wie alt. Man unterstellt Behauptungen, die nie gemacht wurden, um sie dann zu „widerlegen“.

S 8: „Welche Rolle spielen die Gene? In den Medien werden sie vielerorts als die Verantwortlichen allen Übels hochgespielt“.

Der gleiche Unsinn wie oben. Nach dem Durchbruch der Gentechnik wurden bei Pflanzen, Tieren und Menschen zahlreiche Gene (der Fachausdruck lautet eigentlich „Genloci“ mit unterschiedlichen „Allelen“) identifiziert, die für bestimmte Eigenschaften verantwortlich waren. Von Genen als „Verantwortliche allen Übels“ hat kein Genetiker gesprochen. Jeder Genetiker, der auch von Ökologie und Evolutionsbiologie eine Ahnung hat, weiß, dass Umweltbedingungen und genetische Vilefalt in permanenter Wechselwirkung liegen.

S 20: „In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckten die Nobelpreisträger Watson und Crick die biochemischen Buchstaben der Erbsubstanz, den so genannten genetischen Code.“

Der Fehler ist nicht so wichtig, zeigt aber die Schlampigkeit des Autors . Watson und Crick haben 1953 die Struktur der DNA entschlüsselt, sie haben aber nicht die biochemischen Buchstaben entdeckt, das haben Biochemiker lange zuvor erledigt. Auch den genetischen Code haben sie nicht entdeckt, das geschah erst Jahre nach der Entschlüsselung der DNA.  

S 22: „Der alte Streit zwischen denjenigen, die Gene für die allein Verantwortlichen für alle Körpervorgänge halten, und den anderen, die Umwelteinflüsse für wichtiger halten, ist Schnee von gestern. Beide, Gene und Umwelt wirken zusammen.“ 

Der gleiche Trick wie auf vielen anderen Seiten. Dass Individuen Umwelteinflüssen ausgesetzt sind, ist längst bekannt und gründlich erforscht. Welche starke Wirkung die Umwelt hat, hat kein Geringerer als Charles Darwin im 19. Jahrhundert erkannt.
Joachim Bauers Satz ist so banal wie etwa „Der alte Streit zwischen denjenigen, die Bakterien nur für Krankheitserreger halten, und den anderen, die ihre Bedeutung für die Umwelt für wichtiger halten, ist Schnee von gestern. Bakterien haben Bedeutung als Krankheitserreger und ökologische Reduzenten.“  

S 163: „Effekte von Traumen auf Gene und Strukturen des Gehirns.“

In diesem umfangreichen Kapitel wird beschrieben, wie das Gehirn auf bestimmte Reize reagiert und dabei Stoffe produziert, wie beispielsweise Endorphine. Es gibt viele vergleichbare Vorgänge. Wenn der Körper beispielsweise unter Stress steht, wird in den Nebennieren Adrenalin produziert. Wenn man diesen Vorgang als Effekt auf Gene bezeichnet, so kann man das eventuell machen, neu ist das aber nicht.     

S 221: „Der heilige Respekt, mit dem derzeit überall auf die Macht der Gene verwiesen wird, steht in keinem Verhältnis zu dem geringen Wissen, das wir über ihre Funktionsweise haben.“

Zweihundert Seiten lang hat der Autor dem Leser erklärt, wie neu, interessant und revolutionär die Epigenetik ist. Jetzt erfahren wir, dass unser Wissen in Wahrheit sehr gering ist. Ja was denn nun?

S 221: „Aufgrund des fehlenden Wissens über Gene blieb nach der vorläufigen Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Frühjahr 2000 selbst klugen Leuten offenbar keine andere Wahl, als begeistert zu sein von relativ unsinnigen Aussagen, die damals zu hören waren …“

Der Autor kann sich kaum zurückhalten, wenn es um untergriffige Formulierungen geht, doch ein Körnchen Wahrheit steckt dahinter. Als der Amerikaner Craig Venter im Jahr 2000 die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms verkündete, hat er maßlos übertrieben.

S 232: „Zur Überraschung mancher Zeitgenossen stellte sich nach der Vollendung der Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Jahre 2001 heraus, dass die DNS-Sequenz, also der Text, der etwa 35.000 menschlichen Gene, bei allen Menschen untereinander zu 99,9 Prozent (!) identisch ist.“

Dem Autor dürfte nicht klar sein, was 99,9% bedeutet. Richard Lewontin und andere Evolutionsgenetiker kommen zu anderen Ergebnissen, zumindest können sie ihre Theorien wesentlich besser begründen. (Richard Lewontin:: "The Genetic Basis of evolutionary Change", Columbia university Press).

S 242: „Die Regulation der Genaktivität erfolgt nicht autonom, das heißt, sie wird nicht vom Gen selbst bestimmt … Die Regulation der Genaktivität wird, für jedes Gen getrennt, durch so genannte regulatorische Sequenzen vermittelt, die dem Gen vorgeschaltet sind. Welche ‚Kommandos‘ die regulatorischen Sequenzen ihren ‚nachgeschalteten‘ Genen erteilen, hängt von so genannten Transkriptionsfaktoren ab, die an die regulatorischen Sequenzen binden können. Ob Transkriptionsfaktoren an regulatorische Sequenzen binden und Gene aktivieren, hängt von Signalen ab, die aus der Zelle selbst, aus dem Gesamtorganismus oder aus der Umwelt kommen können.“

Der Laie versteht hier kein Wort. Offenbar soll erklärt werden, dass das Ein- und Ausschalten von Genen durch andere Gene reguliert wird. Das klingt nach einer sensationellen Entdeckung durch Epigenetiker. In Wirklichkeit wurde der erste Nobelpreis für die Erforschung der Genregulation bereits 1965 (Jacob, Lwoff und Monod) vergeben.


Peter Spork: „Der zweite Code (Ut. Epigenetik oder: wie wir unser Erbgut steuern können)“ rororo.

Peter Spork ist Neurobiologe und Wissenschaftsjournalist.

S 11: „Die Epigenetik hilft den Forschern dabei, völlig neue Wirkstoffe und Therapien zu entwickeln. Sie lehrt uns, wie wir unsere Gene mit Hilfe des Lebensstils ein Stück weit selbst steuern können.“

Es ist die Genetik, die neue Wege weist. Die „Epigenetik“ ist, sofern dieser Begriff überhaupt einen Sinn ergibt, ein Teilgebiet der Genetik. Für die gezielte „Steuerung unserer eigenen Gene“ gibt es bis heute keinen Beweis.

S 14: „Epigenetik heißt so viel wie ‚Über‘- oder ‚Nebengenetik‘. Sie beschäftigt sich mit dem Epigenomen, die sich über, manche sagen auch nach, neben, oder auf – den Genomen unserer Zellen befinden.

Was man unter einem „Epigenom“, das auch als 2. Code bezeichnet wird, genau versteht, wird nirgendwo in Sporks Buch befriedigend erklärt.

S 15: „Seit wenigen Jahren sind die Biologen überzeugt, dass unser Schulwissen korrigiert werden muss. Wenn Zellen sich teilen, vererben sie auch das epigenetische Programm.“

Es gibt kein Schulwissen, es gibt Hypothesen und Theorien. Es gibt in der Biologie unzählige Theorien, die laufend überprüft werden. Wir wissen heute mehr als vor 10 Jahren und in 10 Jahren werden wir mehr wissen als heute. Was unter einem „epigenetischen Programm“ zu verstehen ist, wird im Buch nicht ausreichend erklärt.

S 16: „Doch was die Epigenetik aus dem Elfenbeinturm der Grundlagenforschung holt, ist ein anderes Phänomen: Die Epigenschalter sind flexibel. Sie reagieren auf Umwelteinflüsse.“

„Elfenbeinturm der Grundlagenforschung“ ist ein überflüssiger und unsachlicher Vorwurf, denn Grundlagenforschung erfolgt heute weltweit in Universitäten, staatlichen und privaten Instituten und in der Industrie, die längst erkannt hat, dass die wesentlichsten Erkenntnisse der Wissenschaften aus der Grundlagenforschung stammen. Dass Gene auf Umwelteinflüsse reagieren, ist nun wirklich nichts Neues. Es gibt beispielsweise Bakteriophagenstämme, die sich durch UV-Licht aktivieren lassen.   

S 17: „Das Jahrzehnt der Genetik ist schon lange vorbei. Wir befinden uns jetzt mitten im Jahrzehnt der Epigenetik. In diesem Feld passieren derzeit die wichtigsten und aufregendsten Dinge der Molekularbiologie. Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Denken in der Biologie, an der Schwelle zur ‚postgenomischen Gesellschaft‘ … “

Das ist gleich mehrfacher Unsinn, weil es kein „Jahrzehnt der Genetik“ gibt. Die moderne Genetik entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem die im 19. Jahrhundert von Gregor Mendel entdeckten Grundlagen der Genetik wieder entdeckt worden waren. Die Gentechnik entstand erst zu Beginn der Neunzehnhundertsiebzigerjahre. Der Ausdruck „postgenomische Gesellschaft“ ist genauso unsinnig, wie es „postelektrische“ oder „postchemische Gesellschaft“ wäre.   

S 18: „Letztlich wird die Epigenetik sogar erreichen, was ihre scheinbar übermächtige Mutter, die Genetik, aus eigener Kraft nicht schaffen konnte: die biomedizinische Revolution des 21. Jahrhunderts zu vollenden.“

Die Genetik ist keine übermächtige Mutter, sondern eine erfolgreiche Teildisziplin der Biologie. Der obige Satz ist von seltener Ignoranz. Im Übrigen werden in den Wissenschaften keine Revolutionen vollendet. Ob eine Theorie revolutionär ist oder nicht, steht oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten fest, und auch dann ist sie niemals abgeschlossen.

S85: „Vor der epigenetischen Revolution dachte man, Umwelteinflüsse wie Liebesentzug, Kultur oder die Nahrung könnten nur akut in das Verhalten, die Psyche oder das Hormonsystem eingreifen. Verschwänden die Signale, verschwände weitgehend auch die Wirkung. Die neue Sicht ist grundlegend anders: Die Zellen haben ein Gedächtnis, das mit Hilfe einer bleibenden Veränderung ihres Epigenoms Reaktionen auf die Umwelt speichert. Viele Genetiker taten sich anfangs schwer, das anzuerkennen.“

Die Epigenetik ist keine Revolution. Der Ausdruck ist eine maßlose Übertreibung. Dass sich Genetiker angeblich „schwer tun, etwas anzuerkennen“, ist entzückend. Plausible und relevante Theorien werden früher oder später immer anerkannt.
(Selbstverständlich täten sich auch Astronomen schwer, wenn sie zu hören bekämen, dass die Sterne nichts anderes sind als Löcher in einer schwarzen Schicht, die unsere Erde als Schale umgibt.)

S 85: „Der Psychosomatikprofessor Joachim Bauer hat ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. ‚Mein Buch: Das Gedächtnis des Körpers wurde wegen der Aussage, dass der Lebensstil einen prägenden Einfluss auf das Erbgut hat, lange Zeit als unseriös abgekanzelt‘. Dem Erfolg des 2002 erstmals erschienenen Buches hat das allerdings keinen Abbruch getan …“

Der Erfolg eines Buches korreliert nicht immer mit der Seriosität des Inhalts. Das Phänomen ist bekannt. In jeder Großbuchhandlung findet man in einem Stockwerk die technisch-naturwissenschaftliche Literatur. Jeweils ein Großregal ist den Bereichen Biologie, Physik, Chemie, Medizin, eventuell zusätzlich Unterbereichen wie Astronomie, Evolutionsbiologie etc. vorbehalten. In den Regalen für esoterische Literatur und Wegweiser für ein erfülltes Leben (so genannte „How-to-Literatur“) findet man deutlich mehr Werke als für alle Naturwissenschaften zusammen. Viele Menschen suchen unbewusst einfache Erklärungen für eine immer komplizierter werdende Welt, aber Naturwissenschaften sind nun mal nicht einfach, jedenfalls nicht in allen Fällen. Um manche Theorien verstehen zu können, benötigt man einen gewissen intellektuellen Aufwand.

S 88: "Zahllose Studien belegen mittlerweile, wie gut es für uns ist, wenig tierische Fette, viel Fisch und reichlich frisches Obst und Gemüse zu essen sowie sich mehrfach in der Woche für längere Zeit körperlich zu betätigen und ausreichend Schlaf zu achten. Es besteht kein Zweifel: Mit einer gesunden Lebensweise können wir unser biomedizinisches Schicksal verändern."

Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass gesunde Ernährung zu unserem Wohlbefinden beiträgt. Es werden dabei bestimmte Reaktionen, vor allem im Bereich der Verdauung hervorgerufen. Es existiert dagegen nicht der geringste Beweis, dass aufgrund von Ernährungsweisen irgendwo in unserem Körper „epigenetische Schalter“ betätigt werden.

S 93: „Mario Fraga vom Nationalen Krebszentrum in Madrid wertete … Gewebeproben von 40 eineiigen Zwillingspaaren aus … Eine erste Analyse ergab, dass alle Geschwister tatsächlich genetisch ident waren. … Die meisten Experten vermuten, dass die verschiedenen Einflüsse aus der Umwelt die Abweichungen bei Zwillingen verantworten."

Systematische Zwillingsforschung wird seit einem halben Jahrhundert betrieben. Der bekannteste Zwillingsforscher ist dabei Tom Bouchard von der Universität von Minnesota. Dabei wurde nachgewiesen, dass unsere von den Eltern übernommene Erbmasse einen enormen Einfluss auf unser Leben hat. Begleitet man eineiige Zwillinge ein Leben lang, findet man kleine Abweichungen. Das ist erklärlich, denn man findet auch bei zwei baugleichen PKWs, die kurz hintereinander das Band verlassen, nach einigen Jahren Abweichungen. Diese Abweichungen sind allerdings bei weitem nicht so bedeutend wie zwischen einem VW Polo und einem Hummer.

S 205: „Heute scheint es daher mehr als wahrscheinlich, dass Menschen mit ihrem weitgehend selbstgewählten Lebensstil nicht nur die eigene Gesundheit beeinflussen. Über die DNA-Methylierung, den Histon-Code und die Mikro-RNAs in ihren Eizellen oder Spermien entscheiden sie ein Stück weit auch über das Wohl oder Wehe ihrer Kinder und Enkel."

Ob ein Individuum über seine Gene nachfolgende Generationen beeinflusst, kann zweifelsfrei nur über Kreuzungsexperimente nachgewiesen werden. Da man Menschen nicht wie Nutztiere oder –pflanzen kreuzen kann, muss man andere Methoden anwenden, die aber oft ungenau sind. Für die Behauptung, dass man durch einen bestimmten Lebensstil seine Gene bewusst verändern kann, was sich auch auf Kinder und Enkel auswirkt, gibt es keinen einzigen stichhaltigen Beweis.

S 220: „Die These von der … Epigenetik trifft mitten ins Herz der Biologie. Denn sie nährt den Verdacht, dass Jean Baptiste de Lamarck, der einstige Gegenspieler des großen Charles Darwin …."

Jean Baptiste de Lamarck (1744 – 1829) war ein Zoologe und Botaniker. Seine Hypothese von der Vererbung erworbener Eigenschaften war ein erster einfacher Versuch, eine Abstammung der Arten zu erklären. Das war eine für die damalige Zeit beachtliche Tat, aber er irrte sich. Charles Darwin (1809 – 1882) entwickelte eine eigene Theorie, die in ihren Grundzügen richtig war. Darwin war übrigens kein Gegenspieler von Lamarck, sondern bediente sich mangels an brauchbaren Theorien bei einigen seiner Hypothesen. Lamarck wurde durch die moderne Biologie weitgehend widerlegt, Darwin mit seiner Selektionstheorie dagegen nicht.

S 222: „Weitaus ernster zu nehmen sind die Argumente einer Gruppe von Forschern, die sich selbst provozierend Neo-Lamarckisten nennen. Sie behaupten, Darwin habe zumindest ein wenig geirrt und Lamarck habe ein klein bisschen recht gehabt.“

Lamarck war ein Biologe des 18. Jahrhunderts, Darwin des 19. Jahrhunderts. Wer in welcher Weise geirrt hat, ist heute nur noch eine historische Frage. Lamarck war ein großer Zoologe, der sich erstmals systematisch der Frage der Evolution gestellt hat. Darwin war einer der schärfsten und besten Naturbeobachter aller Zeiten. Seine Selektionstheorie war auch aus heutiger Sicht genial.

Niemand fragt heute, wie sehr sich Galileo Galilei geirrt hat, als er annahm, dass sich die Sonne im Zentrum des Universums befindet. Die Sonne ist bekanntlich nicht das Zentrum des Universums. Trotzdem hat Galilei der Wissenschaft die Marschrichtung vorgegeben.  Niemand fragt heute, wie sehr sich Isaac Newton geirrt hat, als er annahm, dass es einen absoluten ruhenden Raum gibt. Seit Einsteins spezieller und allgemeiner Relativitätstheorie wissen wir definitiv, dass es keine absoluten Räume gibt. Trotzdem hat der geniale Newton die moderne Physik begründet. Die Frage, wie sehr sich Lamarck oder Darwin „ein klein bisschen geirrt“ haben, ist heute im Prinzip geklärt.

S 224: „Während die Evolutionsbiologie derzeit also um ein liebgewordenes Dogma ringt, …"

Es gibt in den Wissenschaften keine Dogma, sondern überprüfbare Theorien. Der Autor, der das geschrieben hat, ist entweder naiv, fachlich schlecht informiert oder voreingenommen, wahrscheinlich alles zusammen. Die Evolutionsbiologie ist – vergleichbar der Thermodynamik oder der Quantenphysik – ein dynamisches wissenschaftliches System, das ständig weiter entwickelt wird.

S 224: „… musste die Genetik bereits seit 1984 mit ansehen, wie einer ihrer fundamentalsten Grundsätze bröckelte: die Mendelschen Vererbungsregeln. Seit exakt 25 Jahren ist klar, dass diese Regeln nicht immer gelten.“

Selbstverständlich bröckelt an den Mendelschen Regeln gar nichts. Gregor Johann Mendel hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmals aufgedeckt, dass Gene (er benutzte damals andere Ausdrücke) als diskrete Einheiten nach bestimmten Regeln von einer Generation zur nächsten weiter gegeben werden. Der Autor macht sich in seinem Buch in inferiorer Weise über Gregor Mendel lustig, ohne zu wissen, dass die Mendelschen Gesetze selbstverständlich nach wie vor gültig sind. Lediglich das dritte Mendelsche Erbgesetz, das heute noch unterrichtet wird, ist ein Sonderfall und sollte im Unterricht nicht besprochen werden, weil es Schüler mehr verwirrt als Zusammenhänge erklärt. Das konnte Mendel damals noch nicht wissen. In der Zwischenzeit hat sich viel geändert. Selbstverständlich gibt es Vererbungsregeln, wie etwa die X-chromosomalen, die nicht den klassischen Regeln entsprechen. Auch ist längst in der Fachliteratur von einer „non Mendelian heredity“ die Rede. Das steht heute außer Diskussion.

Das Buch ist ein Sammelsurium pseudowissenschaftlicher Geschwätzigkeit. Mehr steckt nicht dahinter. Es rentiert sich daher nicht, die weiteren Fehler des Buches aufzulisten und zu besprechen.


Prof. Dr. Johannes Huber: „Liebe lässt sich vererben“ (Ut. Wie wir durch unseren Lebenswandel die Gene beeinflussen können), Zabert Sandmann.

Über weite Strecken geht es wie im Buch von Joachim Bauer um Schwangerschaft, Stress, Prägung, Übergewicht und viele andere Bereiche von Gesundheit und Krankheit, wobei viele bekannte Details zur Sprache kommen. Das Buch wurde auf die Schnelle geschrieben und ist gewissermaßen Lichtjahre von jeglicher Fachkenntnis im Bereich Genetik entfernt.

S 13: „Aber genau das bedeutet, dass unsere Evolution nicht nur, wie eben einst Charles Darwins Schüler propagierten und wir im Biologieunterricht lernten, durch jene zufällige Mutationen erfolgte, sondern auch durch ständige Kommunikation mit der Umwelt.“

Hier wird ein Fehler begangen, der leider immer und immer wieder in populärwissenschaftlichen Büchern auftaucht. Es wird vereinfacht und historisch nicht korrekt argumentiert. Darwins Theorie war eine Selektionstheorie. Spätere Biologen haben die Evolutionstheorien nach und nach durch weitere Erkenntnisse ergänzt. Dieser Prozess dauert noch an.    

S 19: „Wissenschaftler auf der ganzen Welt registrieren zunehmend, dass die Kenntnis des Genoms allein nicht hilft, um die Entwicklung der Arten zu erklären. Und immer mehr tauchen Zweifel auf, ob die Gene im Verlauf der Evolution tatsächlich die Regie geführt haben. Indizien sprechen dafür, dass dies keineswegs der Fall war.“

Umweltfaktoren und Gene spielen tatsächlich die Hauptrollen im Laufe der Evolution, allerdings sind diese Wechselwirkungen sehr komplex und noch lange nicht vollständig aufgeklärt. Eine „Regie“ gibt es dabei nicht.

S 23: "Man kann davon ausgehen, dass der Mensch zwar ein Produkt genetischer Abläufe ist. Diese sind aber mit vielen Freiheitsgraden ausgestattet, sind mithin offen für die Umwelt. Keineswegs ist also alles vorherbestimmt …“

Unser Leben ist genauso wenig vorherbestimmt, wie die Bestimmung eines PKW, der nach genauen Bauanleitungen produziert wurde, aber selbstverständlich spielen die Gene eine tragende Rolle. Der obige Satz ist banal.

S 24: „Der Wechsel von Genarbeit und Genruhe folgt also weder biblischen Vorgaben oder einem ärztlichen Gebot, sondern hängt von permanent sich ändernden elektrischen Ladungen ab. Dies zeigt einmal mehr, dass der Mensch keine Maschine ist, in der sich durch zufällig funktionierende Schrauben allein Überlebensvorteile entstehen, die die Evolution vorantreiben.“

Es genügt nicht, ein klein wenig über Darwin und seine Aussagen Bescheid zu wissen, um im Bereich der Evolutionsbiologie mitreden zu können.

S 28: „Lange galt es als ein Dogma der Biologie: Unsere Gene schreiben fest, wie wir sind, was für Fähigkeiten wir haben und welche Krankheitsrisiken wir haben. Heute weiß man: Diese Ansicht ist zu einfach.“

Auch hier gilt: Es gibt keine Dogmen in den Wissenschaften, es gibt aber die Erkenntnis, dass wir Menschen von unseren Genen stärker geprägt sind, als es viele Mediziner erhoffen oder wünschen. Das ist unbequem, kann aber nicht einfach weggewünscht werden. Selbstverständlich weiß jeder Biologe daran, dass die Wirkung der Umwelt durch Selektion eine enorme Rolle in der Evolution spielt.

S 59: „Die epigenetische Forschung hat herausgefunden, dass seelisch traumatisierte Schwangere den Stress an ihre Kinder weitergeben und dass diese mit hoher Wahrscheinlichkeit zeitlebens mit höherer Ängstlichkeit und Neigung zu Depressionen reagieren. Da diese Prägung so weit geht, dass sie die Erbinformation verändert, kann man annehmen, dass auch spätere Generationen davon betroffen sind."

Die Weitergabe mütterlicher Stresshormone über die Placenta an den Fötus ist plausibel. Die Aussage, dass dies die Gene (genauer "die Allele") so verändert, dass auch die Nachkommen unter Depressionen leiden, ist frei erfunden. Es gibt nicht den Hauch eines Beweises für diese Feststellung. 

Im Kapitel „Epigenetik und Evolution“ beginnt die Sache besonders schmerzhaft zu werden. Der Autor kritisiert Aspekte der modernen Evolutionstheorie, indem er einen nicht näher definierten „Neodarwinismus“ kritisiert: „Aber der heute dominierende strenge Neo-Darwinismus nimmt an, dass … “  Die moderne Evolutionstheorie ist das Produkt vieler Disziplinen (Genetik, Molekularbiologie, Zoologie, Botanik, Geologie usw.) und besteht aus vielen einzelnen Theorien. Die Bezeichnung „Neodarwinismus“ ist heute ähnlich sinnlos wie es die Bezeichnungen Neofaradayismus für die Elektrodynamik, Neonewtonismus für die Mechanik, Neobecquerelismus für Radioaktivität oder Neoplanckismus für die Quantenphysik wären. In populärwissenschaftlichen Büchern, in denen Darwin kritisiert wird, wird immer wieder der gleiche Fehler gemacht, denn Darwins Selektionstheorie ist heute ein wichtiger Teil der Evolutionstheorie, aber eben nur ein Teil. Von Genen hatte Darwin beispielsweise keine Ahnung. Die heutige Evolutionsbiologie unterscheidet von derjenigen Darwins wie die heutige Physik von der Mechanik des Isaac Newton.

S 171: „Schon Charles Darwin hatte daran geglaubt, dass erworbene Eigenschaften vererbt werden.“

Darwin hatte keine Ahnung, wie körperliche Merkmale über die Fortpflanzungszellen weitergegeben werden. Also baute er die einzige Hypothese, die damals existierte, nämlich die Hypothese von Lamarck, in seine Selektionstheorie ein. Wer Darwins Buch „Über die Entstehung der Arten“ gelesen hat, muss bemerkt haben, dass er sich bei dieser Sache nicht wohl gefühlt hat. Die Mendelschen Gesetze, die Darwin damals nicht kannte, hätte Darwin sofort in seine Theorie eingebaut. Genau das haben Darwins Nachfolger gemacht. Die heutige moderne Evolutionstheorie besteht aus vielen konsistenten, teilweise komplexen, Theorien.

S 171: „Mit dem Vokabular seiner Zeit sprach Darwin von einem ‚Seelchen‘, das vom Körper in die Keimzellen geht. Das Seelchen war ein Stoff, eine Chiffre für etwas, das man nicht genau benennen konnte, ein Signal, das eben von der Körperzelle in die Keimzelle gelangt. Einzig die Neodarwinisten haben dieses Seelchen verbannt, weil sie offensichtlich nichts Umweltprägendes akzeptieren wollten. Mithin war schon Darwin – wie der französische Botaniker und Zoologe Jean Baptiste Lamarck – ein überzeugter Epigenetiker.“

Damit wird der längst überholte Lamarckismus mit der fragwürdigen Epigenetik gleichgesetzt. Der Hypothesen von Lamarck wurden aus der Evolutionstheorie deswegen verbannt, weil es erstens keinen Beweis für sie gibt und zweitens viele Phänomene, wie etwa Anpassungen (zB Tarnfarben, Konvergenzbildungen usw.) mit dem Lamarckismus in keiner Weise erklärbar sind. Es gibt viele Erkenntnisse, mit denen man die Vielfalt in der Natur erklären kann. Die Epigenetik ist dabei entbehrlich. Es kann eventuell sein, dass es eines Tages gelingt, epigenetische Mechanismen nachzuweisen, aber dies wäre lediglich eine von vielen Erweiterungen bestehenden Wissens. Eine Revolution in der Wissenschaft wäre das nicht. Die euphorischen Bemerkungen der Autoren über eine "neue Wissenschaft", eine "Revolution" oder was auch immer sind maßlos übertrieben.
Das eigentlich Ärgerliche an den besprochenen populärwissenschaftlichen Büchern sind aber die abfälligen Bemerkungen über die Genetik und der offensichtliche Mangel an biologischem und historischem Fachwissen, der mit immer gleichen Phrasen übertüncht wird.

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